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Zu Hause in Almanya

Aysegül Acevit erzählt vom türkischen Leben in Deutschland

Zu Hause in Almanya by Aysegül Acevit
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US$ 15.48
Was bedeutet Integration? Warum haben viele junge Türken so schlechte Chancen in Schule und Ausbildung? In welchen historischen Ereignissen gründen moderne Vorurteile und Missverständnisse? Wird die Türkei ein Teil der EU werden? Und wie wird deutsch-türkisches Zusammenleben in Zukunft aussehen? Aysegül Acevit wurde in der Türkei geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie kennt das Leben in beiden Kulturen. In vielen schönen, witzigen, aber auch ernsten Geschichten erzählt sie, wie junge Menschen der 2. und 3. Generation heute leben – hier, zu Hause in Almanya.
 
Inhaltsverzeichnis
Inhalt





Vorwort


1.Kismet - das Glück kommt auf eigenen Wegen

Die Kinder von Zeliha
Die Königin der Flimmerkiste
Eine Abla ist eine Abla


2.Alles ändert sich - Deutschlandtürken von heute

Eine Reise nach Istanbul
Kein Handkuss für die Tante
Die Mutter aus dem Dorf
Der Clown in der Moschee
Onkel Mehmet, der Nikolaus


3."Endlich seid ihr da" - Wie die Türken nach Deutschland kamen

Nur die Besten für den Westen
Der Bunker unter Gleis 11
Die Kolonie der Arbeiter
Der Schatz im Koffer


4.Grauer Alltag in Almanya - Schein und Sein

Keine Wohnung für Türken
"Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten"
In welchem Land leben wir?
Alles "Loser"?


5.Sen ve ben, du und ich - Wie wir alle "verschmelzen"

Hiphop for Germany
Abschiedsküsse und Knofikult
Alles klar, Kollege
Der Zaubergarten


6.Von Anatolien zur europäischen Großmacht - Die türkische Geschichte

Der Retter in der Not - Atatürk und die moderne Türkei
Hysterie und Fantasie - Europa und die Türken
Mehmet von Königstreu
Der kleine Sultan und sein großes Reich
Wenn der Reiter sein Zelt aufschlägt

Anhang
Glossar
Türkische Persönlichkeiten der Weltgeschichte
Türkische Persönlichkeiten in Deutschland
Daten zur Arbeitsmigration
Landkarten
Auswahl verwendeter Literatur
 
Auszug aus dem Text
Die Mutter aus dem Dorf
Ich saß im Bus und fuhr gemütlich durch die Straßen einer Kleinstadt, von Haltestelle zu Haltestelle. Es war eine dieser Städte, die heutzutage immer leerer werden, weil es immer weniger Kinder in Deutschland gibt und weil die Erwachsenen wegziehen, um anderswo eine bessere Arbeit und ein schöneres Leben zu finden.
Während ich aus dem Fenster schaute auf die schnuckeligen, kleinen Häuser, in denen jeder für sich alleine lebt und versucht glücklich zu werden, setzte sich eine junge Frau neben mich. Zuerst sah ich sie nur flüchtig. Es war eine Türkin.
Sie muss Ende zwanzig gewesen sein, trug ein Kopftuch und einen langen Mantel, war sehr höflich und lächelte freundlich, als sie sich auf dem freien Sitz breitmachte. Sie hatte einen Kinderwagen dabei, in dem ein kleines Kind unbeirrt von allen Geräuschen schlummerte und zu dem sie alle paar Minuten hinüberschaute.
Nach ihrer Kleidung zu urteilen vermutete ich, dass sie nicht in Deutschland aufgewachsen war. Sie sah aus wie die jungen Frauen, die in den Dörfern der Türkei leben: der Mantel aus einfachem Stoff, das Tuch knallbunt und unter dem Kinn gebunden, seitlich befestigt mit einer Nadel. Die Schuhe schlicht und einfach, die Hände rau, das Gesicht etwas trocken. Keine Schminke, kein Schmuck, und etwas füllig war sie, das konnte man erkennen.
Immer, wenn unsere Blicke sich trafen, sah ich, dass sie lächelte, und man merkte, dass sie sich gerne unterhalten wollte. So wie es oft auch bei älteren deutschen Frauen ist, die einsam sind und niemand zum Reden haben. Aber bei dieser Frau war es nicht Einsamkeit, es war übersprudelnde Energie, die sie trieb.
Ich wollte mich gerne auf ein Gespräch mit ihr einlassen, denn sie schien nett zu sein, und man erlebt manchmal Überraschungen, wenn man sich mit fremden Menschen unterhält. Schließlich lächelte sie mich an und ich lächelte zurück und dann sagte sie: "Wohin fährst Du?"
"Ich fahre nach Süd", sagte ich und meinte den Stadtteil.
"Oh, da fahre ich auch hin", strahlte sie, und so kamen wir ins Gespräch.
Auch ihre Sprache war einfach, sie hatte einen dörflichen Akzent und sprach kein Hochtürkisch. Zuerst redeten wir über das Wetter und dann über Deutschland.
Sie erzählte mir, dass sie erst seit einigen Jahren hier lebe. Ihr Mann war hier groß geworden, und als es für ihn Zeit wurde zu heiraten und er keine passende Frau in der Umgebung fand, da ging seine Mutter in den Sommerferien in ihr Heimatdorf und besuchte die Nachbarsfrauen, die ledige Töchter hatten. Dort habe sie sie zum ersten Mal gesehen, und weil sie als Tochter einer anständigen Familie einen guten Ruf im Dorf hatte, weil sie als fleißig und gutmütig galt, hätte die Frau aus Deutschland gleich ein Auge auf sie geworfen.
Einige Monate später sei der Sohn vorbeigekommen und die beiden wurden einander vorgestellt. Sie gefielen sich und beschlossen zu heiraten.
Vielleicht hatte sie den Mann nur deshalb gut gefunden, weil er für ihre Verhältnisse wohlhabend war und ihr mehr bieten konnte als die anderen jungen Männer in ihrem Dorf. Vielleicht auch, weil er für sie die einzige Möglichkeit war, jemals in ihrem Leben ins Ausland zu gehen, aber das sagte sie nicht. So sei sie dann eben nach Deutschland gekommen. Damals habe sie sich wahnsinnig gefreut, in so ein reiches und berühmtes Land zu gehen. Es sei das größte Abenteuer ihres Lebens gewesen, denn der am weitesten entfernte Ort, den sie davor je besucht habe, sei die nächste Großstadt gewesen.
"Aber jetzt verstehe ich nicht mehr, warum ich damals so begeistert war. Hier gibt es doch gar nichts", sagte sie grinsend. "Hier sind ja auch nur Menschen und keine Superhelden. Und das Wetter ist schrecklich. Ständig ist es grau und kühl."
Sie wohnte jetzt im gleichen Haus wie ihre Schwiegermutter und hatte drei Kinder. Das im Kinderwagen war das jüngste. Hausarbeit, die Kinder hüten, den Schwiegereltern helfen und die Nachbarinnen besuchen oder befreundete Familien des Mannes - daraus bestand ihr ganzes Leben. Sehr viel mehr hätte sie in ihrem Dorf auch nicht gemacht, außer, dass sie vielleicht noch auf dem Feld gearbeitet hätte.
Wenn sie sich langweilte, klingelte sie nun spontan bei einer türkischen Nachbarin, um zu tratschen - egal ob es zehn Uhr morgens oder zehn Uhr abends war. Oder die Nachbarinnen kamen mit einem Teller Selbstgebackenem zu ihr, und sie saßen stundenlang zusammen. Dein Haus ist auch mein Haus, deine Freunde sind meine Freunde, ist eine weit verbreitete türkische Devise. Zu deutschen Nachbarinnen hatte sie dagegen kaum Kontakt. Fraglich, ob sie so einen unkonventionellen Umgang mit ihnen überhaupt hätte pflegen können.
Sie konnte auch nur wenig Deutsch sprechen. In ihrer Heimat hatte sie nur die Grundschule besucht, und eine Fremdsprache zu lernen war für sie ungefähr so wie im Cockpit eines Jumbojets zu sitzen, 1 000 Knöpfe vor sich zu haben und die Maschine starten zu müssen. So hatte mir das mal eine ältere Frau erklärt.
Aber die Sprache nicht zu können, war für sie das kleinste Problem. Selbst wenn sie sie gekonnt hätte - viel hätte sich nicht in ihrem Leben geändert. Vielleicht hätte sie hin und wieder ein paar Worte mit einer deutschen Nachbarin gewechselt. Aber nur, wenn diese das auch gewollt hätte. Oder sie hätte ein paar Worte mit der Kassiererin im Supermarkt gewechselt. 5 Euro? Bitte schön. Danke schön. Das konnte sie auch so schon. Oder sie hätte mit dem Arzt reden können, wenn sie krank war, aber zu dem ging sie ohnehin nie alleine, weil sie sich schämte. Behördenbriefe las sie nicht, weil das für sie Männersache war, und ihren Kindern bei den Schulaufgaben helfen konnte sie ohnehin nicht, dazu reichte ihre Schulbildung nicht aus.
Nein, sie hatte größere Probleme, als die deutsche Sprache nicht zu können. Sie hatte zum Beispiel kein Hobby! Das einzige, was ihr Spaß machte, war Kochen, deshalb war sie auch so mollig. Die meisten anderen Dinge, die man in seiner Freizeit tun kann, wie Radfahren zum Beispiel, kamen für sie nicht infrage, weil sich das nicht schickt für eine verheiratete Frau, so dachte sie. Und weil dann alle auf ihren Po starren könnten, wofür sie sich geschämt hätte.
In einen Sportverein wäre sie nie gegangen, denn sie hätte Angst gehabt, dass die Deutschen dort sie belächeln würden. Womit sie vielleicht nicht Unrecht hatte. Einen Sportverein für türkische Frauen gab es nicht, und auch sonst gab es keine türkischen Vereine in der Umgebung, außer einem Moscheeverein, einer Teestube für Männer und einem Fußballverein für Jungs.
Was hätte sie also tun können? Schwimmen? Niemals! Sich halb nackt zu zeigen ist doch Sünde, dachte sie. Tanzen? Ging sie einmal im Jahr, wenn irgendwo türkische Hochzeit war, und selbst dann saß sie die meiste Zeit nur am Tisch und schaute zu. Diskos oder Lokale waren für sie tabu. Kino? Warum? Filme laufen doch auch im Fernsehen. Malen, basteln, spielen vielleicht? Das alles war für sie Kinderkram, aber nichts für Erwachsene. Sie las auch nicht, außer hin und wieder mal eine Zeitung und Kochrezepte. Was in der Welt passierte, interessierte sie nicht, weil sie es nicht verstand; was in der Umgebung passierte, auch nicht.
Was blieb ihr also anderes, als sich um Haus und Hof und Familie zu kümmern? Sie lebte gemütlich in ihrem Viertel wie in einem kleinen Dorf, oder vielleicht so wie deutsche Touristen in Antalya, die wie eingeschlossen in ihrer kleinen Welt den ganzen Urlaub über nur am Strand liegen, ohne ein einziges Mal das Leben im Land kennen zu lernen.
Viele Menschen haben sehr enge Vorstellungen davon, wie ihr Leben aussehen soll, aber diese Frau war darin meisterhaft. Wahrscheinlich würde ihr Leben die nächsten 50 Jahre genau so weitergehen, denn zurück in die Türkei wollte sie nicht. Das hätte für sie bedeutet, zurück in ihr Dorf gehen zu müssen. Sie genoss den guten Lebensstandard, den sich ihr Mann hier erarbeitet hatte, und das war ihr größtes Glück. Dieses Glück sollten auch ihre Kinder haben - mehr brauchten sie nicht, dachte sie, denn mehr konnte sie sich nicht vorstellen.
Wie sie die Kinder auf die Zukunft in einer globalen Welt vorbereiten sollte, wie sie ihnen Geschichten vom Leben im großen, weiten Land erzählen sollte, wie sie eine kluge und starke Mutter werden konnte, das kam ihr nicht in den Sinn. Sie gab ihnen ein großes Herz und ihre ganze Liebe, ein warmes Nest und starke Wurzeln, und sie war jederzeit bereit, sich für sie zu aufzuopfern - "ihre Haare zum Besen machen", saç?n? süpürge yapmak, nennt das der türkische Volksmund. Vielleicht wäre sie traurig darüber gewesen, welche Chancen an ihr und ihrer Familie vorbeizogen, wenn sie sie erkannt hätte, doch alleine konnte sie das kaum. Ihr ging es wie vielen Menschen, die wenig Bildung haben und die Komplexität des Lebens nicht durchschauen.
Sie bemerkte auch nicht, dass sie mit ihrer Lebensart langsam, aber sicher verblühte, dass ihre Schönheit verwelkte, weil sie nicht wusste, wie man sie pflegen muss, und dass sie immer kränker werden würde, wenn sie nicht lernte, gesund zu leben, gesund zu kochen und sich mehr zu bewegen.
Sie hätte vielleicht erst einmal sich selbst kennen lernen müssen, ihre Talente und Träume und ihre Vorlieben und Wünsche, bevor sie die vielen schönen Seiten des Lebens hätte entdecken und genießen können. Und bevor sie sich zugetraut hätte, das Cockpit eines Flugzeugs zu betreten und die Maschine zu fliegen. Aber das alles muss für sie unvorstellbar gewesen sein, so wie es für andere unvorstellbar ist, auf einem anderen Planeten zu leben.
Nachdem wir aus dem Bus ausgestiegen waren, liefen wir noch ein Stück des Weges gemeinsam. Der kleine Junge wurde wach und quicklebendig, Menschen liefen an uns vorbei. Da sagte sie zu mir, dass ich sie besuchen solle und sie leckeren Kuchen für mich backen würde. Das war ein verlockendes Angebot, und ich sagte: "Tamam, na gut, ich überleg es mir. Aber dann gehen wir auch zusammen Fußball spielen."
Sie schaute mich überrascht an, dann biss sie sich auf die Unterlippe, neigte den Kopf und lächelte verschämt.
"Aber nein, das können wir doch nicht machen, das ist doch was für Männer und für Kinder", sagte sie.
"Aber doch", sagte ich "und wie wir das machen können. Da drüben ist ein Sportplatz, hast Du den schon gesehen? Wir ziehen uns schicke Sportklamotten an, du bindest das Kopftuch nach hinten, ich ziehe ein Stirnband über und wir spielen so lange, bis uns die Puste ausgeht. Und danach gehen wir zu dir und essen. Nasil? Wie wäre das?", sagte ich, und sie schaute mich nur mit irritierten Augen an.
 
Biographische Informationen
Aysegül Acevit wurde an der türkischen Schwarzmeerküste geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Sie ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin
und volontierte Radio- und Fernsehjournalistin. Sie hat schon früh erste Geschichten und Gedichte in deutscher Sprache verfasst. Heute lebt sie in Köln, wo sie als Journalistin und Autorin tätig ist.
Campus Verlag; September 2008
199 pages; ISBN 9783593404783
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Title: Zu Hause in Almanya
Author: Aysegül Acevit
 
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