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Freunde und Verwandte

Soziale Beziehungen in einer spätmittelalterlichen Stadt

Freunde und Verwandte
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Auch im Mittelalter waren verwandtschaftliche und freundschaftliche Beziehungen wichtige Bezugspunkte im Leben. Kerstin Seidel stellt in einem Vergleich der beiden Beziehungsformen dar, wie sich diese ergänzten, durchdrangen und miteinander konkurrierten. Am Beispiel des spätmittelalterlichen Köln veranschaulicht sie, dass Verwandtschaftsbeziehungen zwar von Konflikten getrübt sein konnten, verglichen mit den zumeist flüchtigen und zweckgebundenen Freundschaften jedoch sehr viel stärkere Bindungen bedeuteten. Freundschaften wurden wichtig, wenn Verwandte fehlten, und oft wurden sie durch Heirat in Verwandtschaft überführt.
 
Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Vorwort

Einleitung

1. Ausgangspunkte
2. Forschungslage
3. Fragestellung und Untersuchungsgang
4. Köln im späten Mittelalter

I Verwandtschaft interpretieren: Das Kölner Ratsschriftgut

1. Hintergrund: Der Kölner Rat und seine Gesetzgebung
2. Hochzeiten und Todesfälle: Verwandtschaft in den Luxusgesetzen
3. Verwandtschaft als Problem: Umbewertungen in städtischen Konflikten
4. Fazit: Bedeutung und Umdeutung von Freundschaft und Verwandtschaft

II Der Verwandtschaft gedenken: Die Kölner Testamente

1. Hintergrund: Bürgertestamente in Köln und anderswo
2. Zugehörigkeiten demonstrieren: Die Wahl der Grabstätte
3. Gemeinschaft der Lebenden und der Toten: Stiftungen für das Seelenheil
4. Gruppenzusammenhänge im Diesseits: Die Erben
5. In der Vertrauensposition: Wer wird Treuhänder?
6. Fazit: Bindungsmuster in den Kölner Testamenten

III Schreiben über Verwandtschaft: Selbstzeugnisse aus Köln

1. Hintergrund: Familienbücher im Kontext der Selbstzeugnisforschung
2. Die Slosgins: Familienidentität und soziale Verortung einer Kaufleutefamilie
3. Werner Overstolz: Formen patrizischer Repräsentation
4. Hermann von Weinsberg: vox audita perit, litera scripta manet
5. Fazit: Differente Entwürfe sozialer Beziehungen

IV Sprechen über Freunde und Verwandte: Zur Semantik sozialer Beziehungen

1. Hintergrund: Forschungen zur Semantik
2. Polyvalente Bezeichnungen
3. Übertragene Bedeutungen: Ratsfreunde und Amtsbrüder
4. Fazit: Begriffliche Konzepte von Freundschaft und Verwandtschaft

V Verwandte machen, verwandt sein: Beziehungsnormen und Konflikte

1. Hintergrund: Was ist Verwandtschaft?
2. Die Ehegemeinschaft: Kooperation und Konflikt
3. Ein ›Generationenvertrag‹ im Mittelalter? Die Eltern-Kind-Beziehung
4. Geschwister: Verbündete Rivalen?
5. Das Fehlen der entfernten Verwandten in der Kölner Überlieferung
6. Die fruntschaft verneuweren: Gevatterschaften und Eheschließungen
7. Fazit: Über die Bindekraft der Verwandtschaft

VI Freunde finden: Probleme mit einer sozialen Beziehung

1. Reprise: Auf der Suche nach Freunden
2. Freundschaft als Strukturprinzip der Gelehrtengemeinschaft
3. Die appellative Funktion der Freundschaft: Kaufleute und ihre Korrespondenzen
4. Fazit: Der appellative Kern der Freundschaft

Schluss

Quellen und Literatur
1. Quellen
2. Literatur

Sach- und Personenregister
 
Auszug aus dem Text
Einleitung

1. Ausgangspunkte

Das Mittelalter dient Historikern oftmals als Gegenfolie, wenn sie neuzeitliche Prozesse, insbesondere Modernisierungstendenzen, beschreiben wollen. Häufig ist das Bild vom ›Vorher‹, das in diesen Entwürfen transportiert wird, diffus. Es speist sich aus Globalannahmen über die vormodernen Zeiten oder aus einzelnen Fallstudien, die unzulässig zeitlich erweitert und räumlich übertragen werden. Eine in diesem Zusammenhang oft wiederholte These ist die, dass sich spätestens mit der Industrialisierung die vorherrschenden Familienformen in Mitteleuropa entscheidend verändert hätten, dass die Mobilität der Arbeitskräfte, die durch die veränderten ökonomischen Bedingungen notwendig geworden sei, eine Konzentration auf die Kernfamilie herbeigeführt habe. Neben diesem Argument werden sowohl von Sozialhistorikern als auch von Soziologen zahlreiche andere angeführt, die einen Bedeutungsverlust der weiteren Verwandtschaft in der Moderne belegen sollen. Die Funktionen, die vormals den Verwandten zukamen, hätten nun entweder die Versorgungseinrichtungen des modernen Staates, die Mitglieder der Kernfamilie (in erster Linie der Partner) oder die Freunde übernommen. Vor allem Letzteren wurde im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert in der populären Ratgeberliteratur die Rolle der wichtigsten Bezugspersonen im Leben des modernen Individuums zugeschrieben.

Hinter diesen vermeintlich am modernen Untersuchungsgegenstand gebildeten Thesen stehen gleich mehrere Annahmen über die vormodernen Verhältnisse: erstens, dass der große Verwandtschaftsverband ›früher‹ - und das soll ja vielfach bedeuten: bis ins 18. Jahrhundert hinein - tatsächlich gegenüber kernfamilialen Formen dominiert hätte, zweitens, dass in derart verwandtschaftszentrierten Gesellschaften andere Beziehungsformen wie etwa Freundschaft nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben können, und drittens, dass es eine vergleichbare Mobilität, die andere Beziehungsformen als die Verwandtschaft hätte befördern müssen, noch nicht gegeben hätte.

Gegen die erste dieser Annahmen wandten sich zuerst in den 1960er Jahren an Strukturen interessierte Sozialhistoriker wie die Forschergruppe um Peter Laslett, die anhand empirischer Verfahren nachweisen konnte, dass der durchschnittliche Haushalt auch im Mitteleuropa der Vormoderne auf die Kernfamilie konzentriert war. Vertreter einer stärker am handelnden Subjekt orientierten historischen Anthropologie und Kulturgeschichte betonten gegenüber der älteren Metaerzählung von der Stabilität vormoderner Verwandtschaftsverbände die Fragilität und Konfliktanfälligkeit familialer Konstellationen. Hier kommen auch andere Beziehungsformen neben der alles dominierenden Verwandtschaft in den Blick, so etwa spirituelle Verwandtschaftsverbindungen, Patron-Klient-Beziehungen oder Freundschaft. Die Bedeutung genossenschaftlicher Verbindungen wurde ebenfalls bereits lange betont, ohne dass dies jedoch auf die Verwandtschaftsforschung Einfluss genommen hätte.

Gegen die dritte Annahme sind schließlich Gelehrte oder Kaufleute des späten Mittelalters anzuführen, deren gruppenspezifische Mobilität und die damit verbundene Trennung von den Herkunftsfamilien die Etablierung anderer sozialer Beziehungen zur Folge hatten. Studien zu Gelehrtenzirkeln legen durchaus die Vermutung nahe, dass Freundschaft jedenfalls für die Struktur bestimmter Gruppen von großer Bedeutung war.

In seiner grundlegenden Einführung zur Geschichte der Stadt im späten Mittelalter bezeichnet Eberhard Isenmann die Verwandtschaft nicht nur als basalste Beziehungsform, sondern auch als Grundlage und Bauprinzip der städtischen Gesellschaft. Ihr zur Seite stellt er als einzige weitere wichtige Sozialform auf freier Einung beruhende Zusammenschlüsse wie Bruderschaften, Gilden und Zünfte, Trinkstuben- und Patriziergesellschaften. Informelle Beziehungen wie Freundschaft erwähnt er nicht. Offenbar spielen sie seiner Ansicht nach für die Organisation und für das Gefüge der Stadt keine Rolle. Tatsächlich kommen der Verwandtschaft beziehungsweise der Familie wichtige Funktionen zu. Michael Mitterauer bringt diese auf die Formel "Kult, Schutz, Arbeit, Erziehung". Verlässt man den von ihm angesprochenen Rahmen der Nahverwandten, wären Aspekte wie geregelte Besitzweitergabe, Sozialkontrolle oder auch Identifikationsstiftung zu ergänzen. In der vorliegenden Untersuchung wird nicht nur zu fragen sein, inwiefern Verwandtschaft tatsächlich eine quasi ›systemstabilisierende‹ Wirkung hatte, sondern auch, ob Freundschaft oder vergleichbaren Beziehungsformen, die nicht analog zur Verwandtschaft strukturiert sind, in bestimmten Kontexten ähnliche Funktionen zukamen wie der Verwandtschaft.

Neben dieser Handlungsebene, die auf eine Unterscheidung und Konkurrenz der Beziehungssysteme abhebt, muss die Sprachebene mit einbezogen werden. Auch wenn die Beziehungsformen Freundschaft und Verwandtschaft in der Forschung meist separat behandelt werden, deutet etwa die begriffliche Ambivalenz des Terminus frunt, der sowohl ›Freund‹ als auch ›Verwandter‹ heißen kann, darauf hin, dass die Konzepte für enge Sozialbeziehungen Überschneidungen aufweisen, dass die Grenzen nicht trennscharf zu ziehen sind oder dass sie jedenfalls nicht den modernen Begriffen entsprechen. Nicht nur das Vokabular für soziale Nahbeziehungen, auch viele Forschungsergebnisse, so etwa diejenigen Gerd Althoffs zu rituellen Freundschaften, die er als "künstliche Verwandtschaften" qualifiziert, weisen auf Überschneidungen der Beziehungssysteme Freundschaft und Verwandtschaft hin.

Das Augenmerk soll hier daher vor allem auf die Beziehungsformen Verwandtschaft und Freundschaft gelegt werden. Mit Blick auf die ältere Forschung gilt es zum einen, das Bild vom harmonischen Verwandtschaftsverband der Vormoderne zu hinterfragen, aber auch das später dominierende Narrativ von der Konfliktanfälligkeit familialer und verwandtschaftlicher Beziehungen auf seine Plausibilität zu überprüfen. Es gilt zu untersuchen, ob neben der Verwandtschaft auch der Freundschaft gesellschafts- oder gruppenstrukturierende Funktion zukam. Überdies müssen die zeitgenössischen Konzepte von Freundschaft und Verwandtschaft, ihr Zusammenfallen wie ihre Abgrenzungen voneinander, untersucht werden, um Aufschluss über die Relevanz der Beziehungsformen in der spätmittelalterlichen Stadtgesellschaft zu erlangen.

Als Untersuchungsraum wurde die Stadt Köln gewählt; Grundlage sind dementsprechend nahezu ausschließlich Quellen, die in der Stadt am Rhein entstanden sind. Die Verfasser dieser Quellen und die Akteure in ihnen gehören hauptsächlich drei Gruppen der städtischen Ober- und Mittelschicht an: Es sind Vertreter der alten Patriziergeschlechter, die bis zur so genannten ›Revolution‹ von 1396 die alleinige Macht in der Stadt innehatten, es sind Kaufleute, also die wirtschaftlich potenten und politisch einflussreichsten Kölner im 15. Jahrhundert, und es sind Kölner Bürger, die als Gelehrte an der Kölner Universität wirkten. Die zeitliche Eingrenzung der Untersuchung ergibt sich aus der Überlegung, die Umbrüche einzubeziehen, die die stadtkölnische Gesellschaft im späten Mittelalter erlebte, nämlich einerseits den Sturz der Geschlechterherrschaft im Jahr 1396 mit den damit verbundenen politischen und sozialen Veränderungen, und auf der anderen Seite die Auseinandersetzungen mit humanistischen Strömungen zum Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts.
 
Biographische Informationen
Kerstin Seidel, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Zürich.
 
Reihe
Campus Historische Studien - Band 49
Campus Verlag; May 2009
351 pages; ISBN 9783593405735
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