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Ernst Fraenkel

Ein politisches Leben

Ernst Fraenkel
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Als Sozialdemokrat und Jude musste der Rechtsanwalt Ernst Fraenkel 1939 in die USA emigrieren. Das Manuskript seines Werks "Der Doppelstaat " - eine schonungslose Analyse des Nationalsozialismus und seines Rechtssystems - reiste als Schmuggelware voraus. Im Exil, wo er mittellos dastand, wandte er sich stärker der Politikwissenschaft zu und wurde zu einem Verfechter der westlichen Demokratien. Nach dem Krieg ging er im US-amerikanischen Auftrag als Rechtsberater nach Korea, bevor er 1951 nach Deutschland zurückkehrte. Seine Studien zum amerikanischen Regierungssystem waren bahnbrechend. Er baute das Otto-Suhr-Institut an der FU Berlin auf und gründete 1963 das John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien. Er starb 1975. Ernst Fraenkel, so zeigt diese Biografie, war ein Mensch mit Charisma, der jede Form von Dogmatismus ablehnte.
 
Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Einleitung

1 Vom Schulkind zum Revolutionär 1898-1919

2 Aufbruch ins politische Leben - die Weimarer Zeit 1919-1932

3 Fraenkel im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1938

4 Emigrant oder Immigrant? USA 1938-1945

5 Als Amerikaner nach Korea 1946-1950

6 Ernst Fraenkel in der Bundesrepublik 1951-1961

7 Bewegte sechziger Jahre und das Ende eines überzeugten Demokraten 1961-1975

Anmerkungen

Abkürzungsverzeichnis

Kurzbiographien

Ernst Fraenkel - Chronologie

Literatur

Personenregister
 
Auszug aus dem Text
Einleitung

"Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum Zweitenmal.
Du nun selbst! Was felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan,
Mauern siehst du, siehst Paläste
Stets mit andern Augen an."
aus: Dauer im Wechsel,
Johann Wolfgang von Goethe

"Ich stelle nicht in Abrede, […] meine Ansichten und Überzeugungen mehr als einmal geändert zu haben […]. Das Leben hat mich mehr als einmal in eine harte Lehre genommen […]. Den Ruhm, bereits als junger Mann eine politisch geschlossene Weltanschauung besessen zu haben, an der ich in späteren Phasen meines Lebens nichts mehr zu ändern brauchte, überlasse ich neidlos anderen." Mit diesen Worten blickte Ernst Fraenkel (26. Dezember 1898-28. März 1975), einer der bedeutendsten Politikwissenschaftler der Bundesrepublik, zwei Jahre vor seinem Tod auf sein Leben zurück.

Fraenkel war nicht nur ein Theoretiker der modernen Demokratie, sondern auch eine zentrale Figur bei der Etablierung der Politikwissenschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in der Bundesrepublik und in West-Berlin. Heftige Brüche kennzeichneten sein Leben: vom Sozialisten zum pluralistischen Demokraten, vom Deutschen zum Juden, aber auch vom Deutschen zum Amerikaner und wieder zurück, vom aktiven Widerständler zum nüchternen Analytiker politischer Systeme, vom Juristen zum Politologen. Teilweise erzwangen die äußeren Lebensumstände einen solchen Wandel, teilweise führten eigene Entscheidungen dazu. Die Begeisterung für die sozialistische Idee als junger Erwachsener war eine selbstgewählte Orientierung; die Flucht aus Deutschland 1938 nicht. Die vorliegende Biographie will zeigen, wie sich Ernst Fraenkel neuen Anforderungen stellte, welche innere Haltung er gewann, wie er Erfahrungen verortete und dies auf seine Überzeugungen und seine Arbeit einwirkte.

Fraenkels breitgefächertes Werk, das nun in einer Gesamtedition vorliegt, kann in wirkungs-, lebens-, wissenschafts- und sozialgeschichtlichen Zusammenhängen gesehen werden. Fraenkels Biographie erleichtert den Zugang zu seinen Arbeiten, ist aber nicht als Werkbiographie angelegt. Vielmehr soll gezeigt werden, wie sein Leben mit der allgemeinen politischen Entwicklung im 20. Jahrhundert verflochten war und inwiefern er die Impulse, die er empfing, aufgreifen und für sich adaptieren konnte und musste.

Bei der Untersuchung eines individuellen Lebensweges stellt sich immer wieder die Frage, auf welche Weise ein Mensch den äußeren Zwängen und Anforderungen nach Anpassung begegnet, ob und wann er sein Leben in neue Bahnen lenkt. Für Ernst Fraenkel wird die Reifung seiner Persönlichkeit nachgezeichnet, dabei werden die Antriebskräfte, die ihn bewegten, und die Überzeugungswelten, die auf ihn einwirkten, dargestellt und in den Rahmen der sonstigen politischen Sozialisation gestellt. Es wird nachvollziehbar, welche Motivation ihn leitete, um für sich eine Klärung weltanschaulicher Zusammenhänge zu suchen. Fraenkel überprüfte immer wieder, inwieweit der Marx'sche Grundsatz der Determinierung des Bewusstseins durch das Sein auch für sein eigenes Leben zutraf. Für seine Haltung mögen Erziehung und Sozialisation eine Stütze geboten haben. Er bewies eine ausgesprochene Stärke, ja Resilienz angesichts von Verlust, Verrat und Enttäuschung, wobei eine besondere Ernsthaftigkeit, hohe Intelligenz und ein ausgeprägter Hang zur Rationalität sein Wirken und Handeln leiteten. Das unmittelbare Erleben war für Fraenkel wichtig und spiegelt sich in seiner politischen Arbeit und in seinen Schriften wider, in denen er allgemeingesellschaftliche Erscheinungen theoretisch durchdrang und erklärte. Ständig reflektierte er seine Situation und sein Handeln in Artikeln, Aufsätzen und Briefen. Auch in Phasen der Bedrängnis, zum Beispiel als ihn die Nationalsozialisten als "jüdischen Anwalt" diskriminierten, ließ er sich nicht auf die Objektrolle reduzieren, sondern versuchte als Subjekt weiterhin, sein Leben zu gestalten. Er reizte seine Möglichkeiten als Anwalt der Verfolgten bis zuletzt aus.

Zeitlebens, unter zum Teil extremen Lebensbedingungen, bemühte sich Fraenkel um eine Balance zwischen dem Beharren auf dem eigenen Standpunkt und der gesellschaftlich notwendigen Anpassung. Ja, er hat um diese Balance gerungen - in Deutschland, in den USA, in Korea und schließlich erneut in Deutschland -, ohne je einem willfährigen Opportunismus zu erliegen. Als Jude gehörte er einer Minderheit an. Diese Minderheitenerfahrung erlangte nicht erst im Nationalsozialismus Bedeutung. Passte er sich an, war er Außenseiter, blieb er sich selbst im Wandel treu? Diesen Aspekten wird in dem vorliegenden Buch besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Es werden die maßgeblichen Quellen vorgestellt, die sein Wissen prägten, seine Auffassung von Gesellschaft und Staat beeinflussten sowie sein Interesse für die empirisch vorfindbare Wirklichkeit wie für deren Analyse weckten.

Das Leben Ernst Fraenkels unterlag starken Verwerfungen. Fraenkel lebte Theorie und Praxis; er erlebte Geschichte und reflektierte sie, bevor sie historisch wurde. Und immer wieder musste er erfahren, dass alles im Fluss ist, panta rhei, wie auch Goethes Gedicht "Dauer im Wandel" ausdrückt, das Fraenkel mehrfach heranzog. Alles verändert sich, es gibt den Zwang zum Wandel, einzig hierin steckt eine verlässliche Beständigkeit. Das lässt sich auf Fraenkels Leben übertragen, Gleiches gilt für die Perspektive, mit der er sich vertrauten Themen zuwandte. Auch zu scheinbar Festgefügtem suchte er neue Zugänge, untersuchte es mit "anderen Augen", wie es auch Goethe formulierte.

Die revolutionären Ereignisse, die Fraenkel zum Ende des Ersten Weltkriegs Mitglied in einem Soldatenrat werden ließen, erfassten ihn ohne große Begeisterung, weckten aber sein soziales Bewusstsein. Fraenkel wuchs in die Ära der ersten deutschen Republik als junger Erwachsener hinein, seiner Ansicht nach "wohl die erregendste Periode der deutschen Zeitgeschichte". Ganz unmittelbar konnte er die Konstruktion und die Weiterentwicklung einer Verfassung beobachten; hier fand er seinen Standort: im Engagement für die Verfasstheit von sozialer Gerechtigkeit und individueller Freiheit.

Während des juristischen Studiums erhielt er Anstöße, die seine intellektuelle Wahrnehmung noch intensiver schulten. Besonders Hugo Sinzheimer beeinflusste Fraenkel stark. Sinzheimer eröffnete seinen Studenten mit arbeitsrechtlichen und rechtssoziologischen Themen ganz neue juristische Fragestellungen. Er lenkte ihr Interesse auf das kollektive Arbeitsrecht. Als in dieser Zeit die ersten Tarifverträge in Deutschland vereinbart wurden, bot sich die Chance für eine gerechtere Verteilung gesellschaftlichen Reichtums.

Getragen von sozialistischer Überzeugung, engagierte sich Fraenkel bewusst in gewerkschaftlichen Strukturen und trat auch in die SPD ein. Zentrale Inhalte sozialistischer Ideen wurden für ihn zum Prüfstein; er streifte sie nicht wie eine abgetragene Hülle ab, sondern befasste sich zeitlebens immer wieder mit ihnen, ohne sich zugleich in einen politischen Aktionsrahmen zwingen zu lassen. In den Weimarer Jahren sammelte er insbesondere während seiner Arbeit als Lehrer an einer Gewerkschaftsschule Erfahrungen, die geeignet waren, die Marx'sche Theorie ganz praktisch zu überprüfen. Aber anstatt sich dauerhaft als Gewerkschafts- oder Politfunktionär zu betätigen, ließ sich Fraenkel als Rechtsanwalt in Berlin nieder - sehr bald gemeinsam mit seinem früheren Kommilitonen Franz L. Neumann. Die beiden jungen Anwälte bewegten sich im Umfeld des SPD-Vorstands und der Spitze des Deutschen Metallarbeiterverbands. Diese Phase in Fraenkels Leben war äußerst produktiv. Intensiv erörterte er Verfassungsfragen und die Krise des Rechtsstaates bis hin zur Entwicklung seiner Theorie der "dialektischen Demokratie".

Hatte er während der Weimarer Republik sehr bewusst die Entstehung und Ausgestaltung der Verfassung erfahren, bekam er ab 1933, während des Nationalsozialismus, die Zerstörung genau dieser demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen hautnah zu spüren. In den Jahren nach 1933, der Machtübernahme, eher einer Machtübergabe an die Nationalsozialisten, erlebte er die Niederlage der eigenen Partei, der SPD, die kampflose Aufgabe der Gewerkschaften und den Untergang zentraler Wertesysteme. Obwohl Fraenkel als Jude selbst mit massiven Eingriffen in seine berufliche Praxis konfrontiert war, setzte er seine Tätigkeit als Anwalt fort. Er vertrat bis zu seiner Emigration politisch Verfolgte, trotz der damit verbundenen Risiken. Der sich zuspitzenden Bedrohung begegnete er mit einer sich selbst in höchstem Maße gefährdenden Widerständigkeit.

Eine besondere Stellung nimmt hier Fraenkels Arbeit Der Doppelstaat ein, ist sie doch die einzige systemkritische Untersuchung des nationalsozialistischen Staates und seines Rechtssystems, die in Deutschland in dieser Zeit entstanden ist. Diese Schrift geht ganz direkt auf Fraenkels Tätigkeit als Anwalt zurück. Nachdem 1938 das Manuskript aus dem Land geschmuggelt worden war, konnte er selbst kurz vor dem Novemberpogrom entkommen.

Im Exil in den USA musste sich Fraenkel auf gänzlich neue Lebensumstände einstellen. Trotz erzwungener Mobilität, heftiger Vorurteile und ganz in der Tradition der europäischen Aufklärung stehend, öffnete er sich für die amerikanischen Gegebenheiten. In vieler Hinsicht lernte er erst dort eine gewisse Leichtigkeit des Lebens kennen. Während er ein erneutes Jura-Studium absolvierte, wuchs schon bald sein Interesse für politologische Fragestellungen. Diese Orientierung verstärkte sich zunehmend, so während seiner Tätigkeit in einer Regierungsbehörde in Washington, die nach Konzepten für die Zeit nach Kriegsende in Europa suchte. Für Fraenkel, der sich schon immer für staatsrechtliche Fragen interessiert hatte, stellte die Planung einer neuen staatlichen Organisation in Europa eine wichtige Herausforderung dar. Die Konzepte der "Political Science", deutlich weniger theoriebeladen, dafür umso anwendungsorientierter, übernahm er zu einem Teil. Zugleich verlor Fraenkel nie das Bewusstsein darüber, wie sehr er durch die europäische Ideen- und Kulturgeschichte geprägt war. Zu seinen persönlichen Netzwerken, die verschiedene Phasen seines Lebens im Positiven wie im Negativen überspannten, gehörten bedeutsame Personen des 20. Jahrhunderts, wie Otto Kahn-Freund, Franz L. Neumann und Herbert Marcuse.

Mit Kriegsende 1945, als einige Exilanten nach Deutschland zurückkehrten, lehnte Fraenkel diesen Weg für sich ab. Stattdessen entschied er sich für einen Posten am anderen Ende der Welt - in Fernost. Er wurde als amerikanischer Staatsbürger und im Auftrag der USA Rechtsberater in Korea. - Wollte er die Umsetzung seines erarbeiteten Standpunkts in die Realität überprüfen? Die Idee, dass auch ohne rechtsstaatliche Vorerfahrungen, stufenweise, durch die Etablierung rechtsstaatlicher Strukturen die Errichtung einer Demokratie möglich ist? Fraenkels staatswissenschaftliches Interesse wie auch seine Gabe zur genauen Beobachtung und nüchternen Analyse ließen ihn Vergleiche anstellen. Sein intensives Interesse an politischer Theorie förderte immer stärker seine Begeisterung für die Schönheit einer funktionierenden verfassungsmäßigen Konstruktion zu Tage. Und aus dem teilnehmenden Beobachter wurde stärker der Analytiker.

1950 entbrannte der Koreakrieg. Kurz nach Fraenkels Evakuierung nach Japan folgte er einer Einladung seines alten Freundes Otto Suhr nach Berlin, um hier zu lehren. Schon bald gehörte Fraenkel mit Wolfgang Abendroth, Arnold Bergstraesser, Theodor Eschenburg, Ossip Flechtheim, Arkadius Gurland, Otto Kirchheimer, Eugen Kogon, Siegfried Landshut, Franz L. Neumann, Sigmund Neumann, Carlo Schmid, Dolf Sternberger, Otto Suhr und Eric Voegelin zu den Begründern der modernen westdeutschen Politikwissenschaft. Wie Fraenkel waren es vor allem die Remigranten, die einen umgekehrten Transfer- und Transformationsprozess einleiteten. Fraenkels Wirken in Berlin ließ ihn zu einer der zentralen Figuren mit eigenem Profil werden - weniger den Traditionen des Staatsrechts verhaftet, zugleich weniger soziologisch orientiert als die "Political Science". Er trieb das Konzept einer "integrierten Politikwissenschaft" voran. In dieser Zeit verwarf er die Idee eines erneuten politischen Engagements und konzentrierte sich auf die Wissenschaft, und damit auf Forschung und Lehre.

Das Spektrum seiner Arbeiten erweiterte sich ständig. Es umfasste nicht nur tarifrechtliche und rechtssoziologische Themen, sondern auch verfassungsrechtliche und vergleichende Analysen des Staatsaufbaus, wobei sich Fraenkel schwerpunktmäßig mit Problemen der Demokratie und des Rechtsstaates auseinandersetzte. Mit seinen Untersuchungen, Essays und Abhandlungen zu politischen, politikwissenschaftlichen, arbeits- und staatsrechtlichen, ökonomischen, historischen und philosophischen Fragen hat er verallgemeinerungsfähige Überlegungen festgehalten, die in einigen Teilen zeithistorisch interessant, in anderen Teilen weiterhin sehr aktuell sind.

Deutlich später, nach den Jahren des amerikanischen Exils, analysierte Fraenkel in Deutschland und die westlichen Demokratien (1960) die Westbindung der jungen Bundesrepublik. Dabei umriss er unter politologischen Gesichtspunkten die Strukturen des Rechtsstaates und entwickelte den Rahmen, der als "normative Verwestlichung" theoretisch gefasst wurde. Mit dem Beitrag "Der Pluralismus als Strukturelement der freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie", der einer von mehreren zu diesem Thema war, gelang ihm die Fundierung einer allgemeinen Demokratietheorie, dem Neo-Pluralismus.

Persönliche Traumata, Aufbruchstimmung, tiefe Bedrohung, aber auch mutiges Aufbegehren, Verrat ebenso wie freundliches Entgegenkommen - all dies kennzeichnete die ersten zwei Drittel des Lebens Ernst Fraenkels. Sein Menschenbild war in vielen Punkten eine Rationalisierung seiner Erfahrungen. Carl Schmitt etwa, der "Kronjurist des Dritten Reichs", aber auch scharfsinnige staatstheoretische Analytiker, übte eine unheimliche (also ganz offene) Anziehungskraft auf Fraenkel aus. Immer wieder befasste er sich mit Schmitt und dessen Arbeiten. Doch letztlich überwog Fraenkels Ablehnung autoritärer Strukturen, die sich aus der Schmitt'schen Vorbedingung, der homogenen Gesellschaft mit einer kollektiven Identität ableiten ließ, vor der Faszination des alles umschließenden Gemeinwillens (volonté générale). Schmitt stand in einer Reihe mit Jean-Jacques Rousseau, der den Begriff entwickelt hatte. So reizvoll die Idee war, so gefährlich erschien sie Fraenkel, weil die Frage der Repräsentation der unterschiedlichen Gruppeninteressen nicht geklärt war, ganz im Gegenteil die Vielfalt der Gruppeninteressen gezielt übergangen wurde. Im letzten Drittel seines Lebens hatte Fraenkel seine Haltung zu Schmitt gefunden. Die "Gruppe" und der "Kompromiss" waren für ihn zentrale Begriffe, die er nun in seine eigene Theorie integrierte.

4 Emigrant oder Immigrant? USA 1938-1945

Der Pass, am 27. August 1938 in Berlin ausgestellt, muss einer der ersten gewesen sein, in den unübersehbar ein großes "J" gestempelt wurde. Damit war im größten Teil der Welt klar, dass es sich bei dem Besitzer um einen Juden handelte.

Fraenkels Flug ging am Dienstag, den 20. September 1938, vom Flughafen Tempelhof ab. Ganze zehn Reichsmark durfte er mitnehmen. Verabschiedet wurde er von Otto Suhr, dem er die Regelung seiner Konten übertragen hatte. Beim Abschied wusste keiner von beiden, ob sie sich jemals wiedersehen würden.

Über London nach New York

Alles sprach für eine Geschäfts- oder Forschungsreise, Fraenkel war auch vorher schon öfter in Großbritannien gewesen. Wahrscheinlich gab er nicht an, dauerhaft Deutschland zu verlassen; denn er ließ seine Frau Hanna in Berlin zurück. Dass sie nur blieb, um das Haus aufzulösen, wussten die wenigsten. Sie musste die Emigration in aller Eile und möglichst diskret vorbereiten. Am 17. Oktober 1938 verkaufte sie das Haus, dessen Adresse mittlerweile Eschwegering 23 war, da die ganze Wohngegend nach Fliegern umbenannt worden war - Rudolf von Eschwege war als Jagdflieger im Ersten Weltkrieg gefallen. Der Verkaufspreis in Höhe von 24.000 Reichsmark entsprach nicht ganz der Summe, die Fraenkel sechs Jahre zuvor beim Erwerb bezahlt hatte, doch schlimmer war, dass der Kaufpreis auf ein "Auswanderer-Sperrkonto" überwiesen werden musste. Dieses Verfahren war bei jüdischen Auswanderern durchaus üblich und führte in der Regel dazu, dass sie später keine Möglichkeit hatten, ihr Geld von diesem Konto einzulösen. Doch das war zum Zeitpunkt des Verkaufs noch nicht eindeutig. Immer noch konnte alles vorläufig sein. Als Hanna Fraenkel Deutschland verlassen wollte, durfte auch sie kaum etwas mitnehmen. Sie musste sich einer eingehenden Leibesvisitation unterziehen, die verhindern sollte, dass sie nicht deklarierte Gegenstände ausführte. Das verbliebene Vermögen wurde tatsächlich eingezogen, denn es wurde mit der erhobenen Reichsfluchtsteuer verrechnet.

Während sich Fraenkel um sein Schicksal und das seiner Frau Gedanken machte, spitzte Hitler den Konflikt um Sudetendeutschland weiter zu; Österreich war bereits "angeschlossen". Von vielen wurde nun ein Einmarsch der Truppen mindestens im Sudetenland erwartet. Fraenkel saß in London in der Wohnung seiner Freunde Otto und Liesel Kahn-Freund, als im Radio gemeldet wurde, dass der britische Premierminister Neville Chamberlain der Einladung zur Konferenz nach München folgen würde. Eine Woche nach Fraenkels Abreise akzeptierten Italien, England und Frankreich im Münchener Abkommen die territoriale Ausdehnung des Deutschen Reiches auf Österreich und das Sudetenland. Der Krieg konnte noch einmal verhindert werden, Großbritannien und Frankreich beugten sich den deutschen Ansprüchen, davon ausgehend, dass dies die letzten deutschen Eroberungen seien. Doch etwa einen Monat später eroberte Hitler die gesamte Tschechoslowakei. Die gleich nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten ins Prager Exil geflohenen Sozialisten hatten inzwischen meist in Paris, einige auch in Moskau Asyl gefunden.

Ernst Fraenkel wartete unruhig auf seine Frau Hanna. Sie wiederum wird froh gewesen sein, dass ihr Mann nicht durch das formale Berufsverbot gegen jüdische Rechtsanwälte, das am 27. September erlassen wurde und zum 30. November in Kraft treten sollte, aus seiner beruflichen Tätigkeit gerissen wurde. Noch größere Erleichterung wird sie einige Wochen später darüber empfunden haben, dass er das Pogrom vom 9./10. November nicht miterleben musste. Nicht genug, dass randalierende Trupps durch Berlin und das ganze Land zogen und eine Spur der Verwüstung hinterließen, mit unzähligen brennenden Synagogen und Geschäften, Tausenden von Verletzten und etlichen Toten. In der Folge wurden gerade jüdische Männer in Fraenkels Alter verhaftet und aus Berlin in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Es war höchste Zeit auch für sie, als Frau eines Juden, das Land zu verlassen. Viele Ehen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Partnern waren angesichts des äußeren Drucks auseinander gegangen. Hanna Fraenkel zog das nie in Erwägung, auch wenn es ihr schwer fiel, ihre Mutter in Deutschland zurückzulassen. - Ihr Flug war für Sonnabend, den 12. November 1938, gebucht.

Doch bei den Grenzkontrollen bemerkten die Beamten, dass eine "Unbedenklichkeitsbescheinigung" über die Entrichtung der Steuern, insbesondere der Reichsfluchtsteuer, fehlte. Umgehend fuhr sie zum Finanzamt Tempelhof in der Schützenstraße (das auch an einem Samstag für das Publikum geöffnet war) und ließ sich die fehlende Bescheinigung ausstellen. Im vollen Bewusstsein über die schikanösen Ausplünderungsabsichten des Regimes hatten die Fraenkels längst alle spezifischen Steuern, Außenstände und Gebühren beglichen, doch war offenkundig ein Beleg nicht ausgestellt worden. Den Flug an diesem Tag verpasste sie. Und das war ihr Glück.

Denn der versäumte Flug sollte sein Ziel nie erreichen, weil die Maschine abstürzte. Hanna flog, jetzt ausgestattet mit allen Formularen und Bescheinigungen, am nächsten Tag, dem 13. November. Sie hatte ihre Notlage geschildert und einen Sitz in einer privat gecharterten Maschine nach London bekommen. Zwei Tage später schrieb sie bemüht locker an ihre Mutter, nachdem sie vom Absturz ihres eigentlichen Flugs erfahren hatte: "Dann hätte sich Jolly (sprich: Scholli, Ernst Fraenkel) eine andere Frau nehmen müssen!" Nach anderthalb Monaten Trennung waren sie wieder vereint.

Wenige Tage verbrachten sie noch gemeinsam bei den Kahn-Freunds, die nun schon fünf Jahre in Großbritannien lebten. Otto Kahn-Freund, aus einer "internationalen Familie" stammend, hatte gleich im April 1933 seine Stelle als Richter aufgegeben, als ihm klar geworden war, dass Deutschland keine Heimstatt mehr für einen Juden sein konnte. Er war damit dem Berufsverbot zuvorgekommen. Durch zahlreiche Aufenthalte im Ausland sprach er gut Englisch, die Entscheidung für ein angelsächsisches Land war für ihn beinahe selbstverständlich gewesen. Aber alle deutschen Abschlüsse waren hinfällig, er musste neu beginnen. Auch seine Frau, die im pädagogischen Bereich tätig gewesen war, suchte einen Neuanfang. Kahn-Freund studierte noch einmal Jurisprudenz - an der London School of Economics (LSE). Nach seinem Abschluss 1935 übernahm er verschiedene Stellen an der LSE, durfte die Titel "Barrister" und "QC" (Queen's Counsel) führen und war damit als Anwalt bei Gericht zugelassen. Er blieb seinem Schwerpunkt, dem Arbeitsrecht, treu, konzentrierte sich jedoch allmählich mehr auf Forschung und Lehre. Erst 1951 erhielt er einen Ruf als ordentlicher Professor an die University of London. Auch Fraenkels früherer Sozius Franz L. Neumann studierte noch einmal an der LSE und legte 1936 eine zweite Dissertation vor: "The Governance of the Rule of Law." Doch Neumann, der 1937 seine Frau Inge Werner (1914-1973) heiratete, sah die London School of Economics lediglich als "Sprungbrett" für die USA an. Anders als Kahn-Freund hatte er seine juristische Tätigkeit gänzlich aufgegeben und widmete sich überwiegend politologischen Fragen.

In London, im Haus der Kahn-Freunds, war alles so behaglich. Hanna Fraenkel öffnete sich gegenüber den Freunden und sprach von ihrer Angst vor dem großen unbekannten Amerika. Der alte Kahn-Freund, Ottos Vater, versuchte sie zu beruhigen: "Auch in Amerika wohnen Menschen." Doch es war so viel, was auf sie einstürmte: erst der abrupte Aufbruch aus Berlin, der Beinah-Absturz, die Sorge um die Mutter, die unbekannte Sprache, die fremde Kultur, keine Arbeit, keine Unterkunft, keine Freunde. Sie brachte ihre Angst offen zum Ausdruck, während von ihrem Mann nichts dergleichen überliefert ist. Vermutlich nahm Fraenkel die überlegene Rolle in der Beziehung ein, auch wenn für ihn die Unsicherheiten kaum geringer waren. Zumindest hatte er in der Schule Englisch gelernt. Dafür waren bei ihm die Vorurteile gegen die USA ausgeprägter, so hatte er noch wenige Jahre zuvor bei einem Spaziergang am Neckar seinem Freund Otto in dem Urteil zugestimmt, dass "Amerika heute das reaktionärste Land der Welt sei. Bald sollte er derartige Fernanalysen vor Ort überprüfen können.

Mit den wenigen Habseligkeiten, die sie aus Deutschland hatten mitnehmen dürfen, fuhren sie in den Hafen von Southampton. An Bargeld hatte Ernst Fraenkel nur die bereits erwähnten 10 Reichsmark, seine Frau, als "Arierin", verfügte über 50 Reichsmark. Sie hatten praktisch nichts. Voller Dankbarkeit nahm Fraenkel die ihm von Otto Kahn-Freund angebotenen Rasierklingen an. Wer wusste schon, wann und wo man wieder passende finden würde?
Von Southampton gingen die großen Schiffe ab, die "Queen Mary", die "Bretonia" und die "Aquitania" nach Amerika, nicht nur in die USA, auch nach Süd- und Mittelamerika. Die Fahrt nach New York dauerte sechs Tage. Unzählige Flüchtlinge rissen sich um die Passagen in die USA. Im Vergleich zu anderen hätten sich Fraenkels noch glücklich schätzen können, sie waren zusammen, durften die Fahrt über den Atlantik machen und hatten sogar ein Visum für die USA. Doch sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben - mit ungewisser Zukunft. Das waren nicht gerade die besten Voraussetzungen, um Glück zu empfinden. Wahrscheinlich hat Fraenkels Schwester Marta sie nach den langwierigen Kontrollen auf Ellis Island Ende November in New York begrüßt. Das Verhältnis der Geschwister war loyal, aber nicht besonders innig.

Marta, die ältere Schwester, hatte nach Beendigung des Medizinstudiums 1922 einige Monate in Großbritannien verbracht, bevor sie einen ungewöhnlichen Berufsweg eingeschlagen hatte: die wissenschaftliche Betreuung von Ausstellungen kombiniert mit Geschäftsführungsaufgaben. In ihrer ersten Stelle hatte sie 1926 die "Große Ausstellung für Gesundheit, Soziale Fürsorge und Leibesübungen" (Gesolei) in Düsseldorf vorbereitet und präsentiert. Nachdem sie diese Aufgabe erfolgreich bewältigt hatte, übernahm sie den Posten der Generalsekretärin und Kustodin am "Reichsmuseum für Gesellschafts- und Wirtschaftskunde" in Düsseldorf. Schließlich wechselte sie nach Dresden als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Hygiene-Museum. In Dresden lernte sie den stellvertretenden Chefredakteur der Dresdener Neuesten Nachrichten, den Journalisten Theodor Schulze-Walden, kennen. 1931 heiratete das Paar.

Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, geriet auch die Presse verstärkt unter Druck, im Pressewesen wurden, wie in den anderen Bereichen, "Entjudungs-Aktivitäten" entfaltet. Ob das der Hintergrund für die 1935 erfolgte Scheidung zwischen Schulze-Walden und Marta Fraenkel gewesen war, muss offen bleiben. Gleich 1933 hatte Marta Fraenkel-Schulze ihre Stelle am Deutschen Hygiene-Museum verloren. Es gelang ihr noch, kurzzeitige Anstellungen bei der Liga zur Krebsbekämpfung in Brüssel zu finden, doch war ihre Einkommenssituation sehr schlecht, auch konnte sie die formalen Bedingungen einer dauerhaften Arbeitserlaubnis in Belgien nicht erfüllen. 1937 entschloss sie sich, die Auswanderung in die USA vorzubereiten. Nach einem zweimonatigen Aufenthalt dort kehrte sie noch einmal zurück, um im April 1938 mit dem Dampfschiff "SS Deutschland" nach New York zu reisen. Sie wurde als Ärztin bei einer halbstaatlichen Einrichtung angestellt. Obwohl sie gerade noch rechtzeitig vor Inkrafttreten einiger wesentlicher Maßnahmen, die auf die Ausplünderung der emigrationswilligen deutschen Juden zielten, abgereist war, sollte sie rückwirkend zur Zahlung der Judenvermögensabgabe verpflichtet werden. Möglicherweise aus Rücksicht auf ihren ausreisewilligen Bruder leistete sie dieser Forderung Folge.

Im November 1938 konnte Marta Fraenkel nicht nur ihren Bruder und ihre Schwägerin auf amerikanischem Boden begrüßen, sondern auch ihren geschiedenen Mann Theodor Schulze-Walden. Ob Fraenkel und sein früherer Schwager sich bei dieser Gelegenheit begegnet sind, ist unbekannt. Schulze-Walden kehrte nach Deutschland zurück und soll hier Repressalien wegen seines Besuchs in den USA zu spüren bekommen haben. Danach kam es zu keiner weiteren Begegnung mehr zwischen Marta Fraenkel und ihrem früheren Ehemann.

Einer unter vielen Exilanten in New York

Ernst Fraenkel nahm in den USA umgehend Kontakt zur New School for Social Research in New York auf. Aber der Ansturm von Flüchtlingen war so groß, dass hier nur einige wenige eine Perspektive finden konnten. Fraenkel mit seinem starken Engagement für die gewerkschaftliche Arbeit, seinem klassenkämpferischen Ansatz und dem durch die politische Arbeit gewonnenen Staats- und Menschenbild wird für die New School zwar interessant gewesen sein, doch eher als Hörer der Vorlesungen, denn als Dozent. Die New School, 1918 als amerikanisches Pendant zur London School of Economics von prominenten Forschern der Columbia University gegründet, hatte sich nach 1933 zu einem Hafen der geisteswissenschaftlichen Emigration, vor allem aus Deutschland, entwickelt.

Fraenkel, gerade erst aus Deutschland angekommen, wird sicher einige Veranstaltungen der New School besucht haben. Er selbst hätte wichtige Erkenntnisse zu den deutschen Verhältnissen vermitteln können, doch in dieser Zeit, als sich der Strom der Flüchtlinge angesichts des Pogroms in Deutschland noch verstärkte, fand er an der New School, hier der Graduate Faculty, keine Aufnahme als Dozent. Vielleicht wirkte seine akademische Reputation nicht überzeugend genug, vielleicht lag es an der unzureichenden Sprachkompetenz, vielleicht gab es einfach zu viele hochqualifizierte Flüchtlinge?

1933/34 hatte sich die "University in Exile" mit einem Schwung neuer Mitarbeiter, so aus dem Kieler Weltwirtschaftsinstitut und dem "Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik", und neuen Forschungsbereichen unter Leitung des Gründers Alvin Johnson neu aufgestellt. Erstklassige Wissenschaftler wurden angesprochen. Manche sagten ab, wie der Philosoph Ernst Cassirer, der Soziologe Karl Mannheim, der Theologe Paul Tillich, die Juristen Gustav Radbruch und Hermann Heller. Dennoch gelang es mit Gerhard Colm, Arthur Feiler, Emil Lederer, Eduard Heimann, Hermann Kantorowicz, Hans Speier, Albert Salomon und Max Wertheimer, um nur einige zu nennen, eine hervorragende Gruppe als Forscher und Dozenten zu versammeln, die Fraenkel zu einem großen Teil noch von der Gesellschaft kannte. Für Gastvorträge wurden so angesehene Persönlichkeiten wie die Briten John Maynard Keynes und Harold Laski eingeladen. Da jedoch laufend für die Finanzierung der Universität gesorgt werden musste, kam der organisatorischen Leitung der Universität eine ganz maßgebliche Rolle zu. Johnson wurde bei der Sponsorensuche und Geldmittelakquise von dem Wirtschaftswissenschaftler und ehemaligen Preußischen Staatssekretär Hans Staudinger (1889-1980) unterstützt, der 1933 von den Nazis verhaftet worden war, aber fliehen konnte. Im Jahr 1935 übernahm Hans Simons (1893-1972), dessen Vater Reichsgerichtspräsident und der selbst 1925-1929 Direktor der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin gewesen war, als Dekan die Leitung der "Graduate Faculty". Fraenkel kannte Staudinger aus Berlin, sicherlich auch Simons. Doch es gab längst nicht genug Möglichkeiten, um all die hochqualifizierten Flüchtlinge zu versorgen, eher handelte es sich um die Verwaltung des Mangels. Allein 1935/36 gingen rund 5.000 Gesuche bei der Graduate Faculty ein. Zahlreiche Unterstützungskomitees wurden errichtet. Um das Bestehen als eigenständige Universität zu rechtfertigen, mussten Ergebnisse auf hohem Niveau vorgelegt werden. Inhaltlich machten anfangs internationale Themen den Forschungsschwerpunkt aus, später befassten sich die Wissenschaftler der New School auch mit explizit deutschen Themen, so veröffentlichte beispielsweise die Berliner Sozialwissenschaftlerin Frieda Wunderlich (1884-1965) ihre Arbeit über deutsche Arbeitsgerichte, zu der Ernst Fraenkel die Einleitung schreiben sollte.

Als Fraenkel 1938/39 bei der Graduate Faculty anfragte, nutzten ihm die persönlichen Kontakte wenig. Kurz nach seiner Ankunft war Fraenkel so niedergeschlagen, dass er am liebsten das nächste Schiff genommen hätte, um zurückzufahren. Doch er konnte seine Entscheidungen nicht für sich allein treffen, vermutlich wird Hanna seinen Unmut beschwichtigt haben. Zu dieser Zeit war er mit Leib und Seele Jurist. So reifte in ihm die Erkenntnis, dass er nur über ein erneutes Studium wirklich Zugang zur amerikanischen Gesellschaft finden würde. Das war seine einzige Chance, denn um Farmer zu werden wie Carl Zuckmayer, hatte er nicht das nötige finanzielle Kapital. Sein einziges Kapital war sein Kopf. Sein Freund Otto Kahn-Freund hatte ihn bei seinem Aufenthalt in London zu überzeugen versucht, dass er lieber als "Immigrant", denn als "Emigrant" in die USA gehen sollte. Das war leicht gesagt, hieß es doch, das schon Erreichte einfach aufzugeben und völlig neu anzufangen. Bei kritischer Betrachtung mit "amerikanischen Augen" wirkte das Erreichte erbärmlich: Es beschränkte sich auf deutsche Rechtskenntnisse, ausgeprägtes klassenkämpferisches Bewusstsein, politische Widerstandserfahrungen, ehemals hohes gesellschaftliches Ansehen. All das fand im amerikanischen Exil keine Wertschätzung. Alle materiellen Güter waren verloren. Die Rückkehr wurde wieder verworfen, - blieb nur die Idee, es als Einwanderer zu versuchen. Die eng abgesteckten Emigrantenzirkel hätten die Fraenkels aufgenommen, doch hätte das bedeutet, alte Kontakte wieder zu beleben, mit allen positiven, vor allem aber negativen Auswirkungen. Das fing bei der Sprache an und hörte bei der Arbeit auf. Fraenkel entschied für sich, dem lieber aus dem Weg zu gehen. Das Ehepaar versuchte einen Neuanfang, weit weg von New York.

Mit welcher Situation waren sie konfrontiert? Vieles war ihnen unbekannt, sie erlebten eine andere Form von Rassentrennung - die zwischen schwarz und weiß. Die sozialen und ökonomischen Klassenunterschiede klafften weit auseinander, erst langsam erholte sich das Land von den wirtschaftlichen Einbrüchen. Ernst und Hanna Fraenkel, so bedrängend ihre Lage war, konnten wenigstens zu zweit den Anforderungen der Neuen Welt begegnen. Viele Jahre später schrieb Fraenkel an einen jungen Mann, der zum ersten Mal nach New York reiste: "Notabene, es hat noch keinen Europäer gegeben, der die erste Woche in New York nicht völlig verdattert war. Das gibt sich."

Im März 1939 ließ sich Fraenkel vom Internationalen Metallarbeiter-Bund in Bern eine Bestätigung über seine geleistete Arbeit schicken. Es wurden ihm die besten Referenzen ausgestellt. Fraenkel wurde als "excellent lawyer" bezeichnet, auch als programmatischer Vordenker. Da sich Fraenkel zu diesem Zeitpunkt bereits im sicheren Ausland befand, konnte auch deutlich seine beständige Unterstützung für die Gewerkschaftsbewegung gelobt werden: "Er hat uns auch nach der Auflösung der deutschen Gewerkschaften große Dienste erwiesen, und durch seine großen Bemühungen konnten einige der angesehensten deutschen Gewerkschaftsführer ihre Freiheit wieder erlangen." Die Formulierung ließ offen, worin genau Fraenkels Hilfe bestanden hatte. Doch die dezenten Hinweise werden ohnehin ohne große Bedeutung gewesen sein, angesichts der Massen von Flüchtlingen, von denen die meisten mit den besten Arbeitsnachweisen ausgestattet waren.
 
Biographische Informationen
Simone Ladwig-Winters ist promovierte Politologin. Sie lebt als freie Autorin und Wissenschaftlerin in Berlin. Von ihr erschien zuletzt die zweite Auflage des Buches »Anwalt ohne Recht. Das Schicksal jüdischer Rechtsanwälte in Berlin nach 1933« (2007).
Campus Verlag; May 2009
448 pages; ISBN 9783593407456
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ISBNs
3593407450
9783593384801
9783593407456