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Krieger und Gelehrte

Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg

Krieger und Gelehrte
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Hauptbeschreibung
Was haben linke Intellektuelle wie Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer und Franz Neumann mit den amerikanischen Geheimdiensten zu tun? Anfang der 1940er Jahre nimmt eine Gruppe linksintellektueller Emigranten zusammen mit ihren amerikanischen Kollegen, u.a. den Historikern Stuart Hughes und Carl Schorske oder dem Soziologen Barrington Moore, ihre Arbeit für den amerikanischen Kriegsgeheimdienst, das Office of Strategic Services (OSS), auf. Der demokratische Sozialismus der Emigranten verbindet sich mit dem Linksliberalismus der "New Deal"Denker, was sich zu Beginn des Kalten Krieges in Forschungs- und Strategiepapieren niederschlägt, die im US-Außenministerium gegen die Blockkonfrontation opponieren und für eine Entspannungspolitik optieren. Von den Geheimdiensten wird Wissen, das von der offiziellen Linie abweicht, geradezu gesucht, es ist von Anfang an integraler Bestandteil der Kultur des Kalten Krieges. Wissenschaftliche Aufklärung, Gegnerforschung und psychologische Kriegführung sind das Geschäft der Gelehrten im Staatsapparat. Am Anfang geht es um das nationalsozialistische Deutschland, nach Kriegsende weitet sich der Einsatz auf das gesamte Europa und die Sowjetunion aus. Die Arbeit der linken Denker findet Anerkennung, personelle Netzwerke entstehen. Sie erschließen der Gruppe im Kalten Krieg institutionelle Ressourcen, die ihnen entweder den Weg in die universitäre Welt der Vereinigten Staaten bahnen oder die Fortsetzung ihrer Forschung unter dem Schirm der Rockefeller-Stiftung ermöglichen, häufig in verdeckter oder offener Kooperation mit dem State Department und auch der CIA. Sind vielleicht sogar Kontinuitäten zwischen Marcuses geheimdienstlicher Gegnerforschung und seiner Kritik der westlichen Moderne, die er seit Beginn der 1960er Jahre radikalisierte, zu entdecken? Eindrücklich beschreibt Tim B. Müller, dass der Kalte Krieg auch ein Krieg der Ideen und des Wissens gewesen ist, dessen Dynamik in die wissenschaftliche Forschung auf ganz andere Weise hineinwirkte, als bisher angenommen wurde. Die linksintellektuelle Gruppe um Herbert Marcuse, Vorbild des studentischen Protests von 1968, erfährt eine fundamentale Neuinterpretation, indem sie hier erstmals in ihrem historischen Kontext des frühen Kalten Krieges dargestellt wird.
 
Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Einleitung
I Im Geheimdienst 1. Die Geburt des Geheimdienstes 2. Im Zentrum des geheimen Staatsapparats 3. Die Ordnung des geheimen Wissens 4. Zwischen Krieg und Freundschaft: Washington 1945-1948 5. Soviet Connection: Russische Spione und Spitzel des FBI 6. Der Weg in den Kalten Krieg 7. Die Geburt der psychologischen Kriegführung aus dem Geist des Marshallplans 8. Die Suche nach der psychologischen Superwaffe: Fortschritt und Herrschaft 9. Im Reich des Bösen: Die Dialektik der Kommunismusaufklärung 10. Wandel durch Aufklärung: Marcuse kommandiert die Kommunismusforschung 11. Marcuse und die strategischen Planer
II Philanthropie im Kalten Krieg: Die Welt der Stiftungen 1. Das teuerste aller Geschichtsbücher: Die Stiftung und die Grundlegung des "national security discourse" 2. Die Rockefeller Foundation am Anfang des Kalten Krieges 3. Das Russische Institut: Gegnerforschung im Kalten Krieg
III Die Stiftung und ihre Feinde: Wissenschaft, Politik und Freiheit im Zeitalter des McCarthyismus 1. Der politisch-philanthropische Komplex 2. Die nationale Sicherheit und die Freiheit der Wissenschaft 3. Was heißt subversiv? Die Stiftung vor dem Untersuchungsausschuss
IV Die Rockefeller-Revolution I: Die Wiedergeburt der Ideengeschichte 1. Franz Neumann und die Stiftung der Ideengeschichte 2. Die politische Theorie und ihre Gegner 3. Die Wiedergeburt der Ideengeschichte aus dem Kreis der Krieger 4. "Intellectual history" zwischen Weimar und Amerika 5. Ordnung und Chaos: Eine ideengeschichtliche Bilanz
V Die Rockefeller-Revolution II: Marcuse und die Marxismusforschung 1. Rockefellers Pater in der Schweiz 2. Karriereberatung und Utopie 3. Berlin und Stalin 4. In den Netzen der Sowjetforschung 5. Ein Manifest der Entspannungspolitik: "Soviet Marxism" 6. Rockefeller-Marxismus 7. Marx, Marcuse, Landshut 8. Das Dispositiv der Entspannung 9. Die Internationale der Marxismusforscher 10. Warten auf die Revolution
VI Intellektuelle in der Schlacht 1. Die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln 2. Das Ende der Ideologie 3. Die Erfindung einer liberalen Tradition: Intellektuelle Selbstfindung im Zeitalter des Konformismus 4. Die "akademische Unterwelt" 5. Eine Friedensbewegung in Zeiten des Krieges 6. Entzweiung und Freundschaft: Der Protest erreicht die Universität 7. Gegenkultur, Vernunft und Praxis
VII Epilog
Schluss
Bibliographie Dank Register Zum Autor
 
Biographische Informationen
Tim B. Müller, Dr. phil., studierte Geschichte und Philosophie in Heidelberg und an der Cornell University, Ithaca, New York. Promotion 2009 an der Humboldt-Universität zu Berlin, 2006 Research Fellow am German Historical Institute in Washington, von 2005 bis 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Humboldt-Universität. Seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Er forscht und veröffentlicht zur Geschichte des Kalten Krieges, zur Intellektuellen- und Ideengeschichte und zur Geschichte von Gewalt, Krieg und Frieden im 20. Jahrhundert.
 
Rezension
- Fraenkel Prize 2009, Wiener Library, London
- Humboldt-Preis 2009 der Humboldt-Universität zu Berlin

"Dieses Buch ist ein intellektueller Thriller. Es nimmt seinen Leser mit auf eine aufregende Reise durch die Schattenwelt der amerikanischen Geheimdienste. Doch nicht Agenten und Spezialkommandos sind hier die Protagonisten, sondern die in die Vereinigten Staaten emigrierten deutschen Intellektuellen Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer und Franz Neumann."
Thomas Speckmann, Der Tagesspiegel

"Dem Historiker und Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung Tim B. Müller ist Bemerkenswertes gelungen: ein monumentaler Beitrag zur Ideen- und Intellektuellengeschichte des Kalten Krieges, der die Ergebnisse intensiver Archivforschung klar strukturiert und literarisch glanzvoll präsentiert."
Rolf Wiggershaus, Frankfurter Rundschau
Hamburger Edition HIS; October 2012
725 pages; ISBN 9783868545173
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