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Schwarzer Markt

Kriminalität, Ordnung und Moral in Bremen 1939-1949

Schwarzer Markt
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Schwarzhandel und Diebstahl wurden im Nationalsozialismus als Verrat an der Volksgemeinschaft verfolgt, breiteten sich jedoch während des Krieges aus. Nach 1945 waren öffentliche Schwarzmärkte und Plünderungen sichtbare Zeichen der Not, aber auch der gesellschaftlichen Unordnung. Stefan Mörchen nimmt die Überlebensmoral der Bevölkerung ebenso in den Blick wie die Bekämpfung des Schwarzen Marktes und Bilder des Kriminellen. Er beschreibt den Schwarzen Markt als Raum der Aushandlung von Kriminalität: Hier sollten Razzien Ordnung und Moral wiederherstellen und die Grenzen der Gemeinschaft gezogen werden.
 
Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Einleitung 13

1Der Schwarze Markt während des Krieges 51
1.1Das Bewirtschaftungs- und Rationierungssystem und die Entwicklung der Versorgungslage 52
Kriegsernährungswirtschaft und Ernährungslage53
Lenkung und Entwicklung des Verbrauchs anderer Konsumgüter56
1.2Die Entwicklung des Schwarzen Marktes 59
Warenquellen des Schwarzen Marktes 60
Preisentwicklung und Umfang des Schwarzhandels 62
Tausch- und Schleichhandel 63
Vergehen gegen Preisbestimmungen 64
Marken- und Bezugsscheindelikte 65
Korruption und Schwarzer Markt 67
Schwarzer Markt und kriminelles Milieu 68
Eigentumsdelikte 69
Ausbreitung der Alltagsdelinquenz 71
1.3Die Bekämpfung des Schwarzen Marktes 73
Bewirtschaftungs- und Kriegsstrafrecht 75
Polizeiliche Feindbilder des Kriminellen und Kriminalprävention 79
Polizeiliche Bekämpfung des Schwarzen Marktes 81
Zwei Grundtendenzen der polizeilichen Kriminalitätsbekämpfung 87
Strafrechtspflege im Krieg: "Kriegswirtschaftsverbrecher" und "Volksschädlinge" vor Gericht 88
"Tätertypen" und soziale Differenzierungen 93
Die Kriegswirtschaftsverfahren im zeitlichen Verlauf 97
1.4Schwarzer Markt, Volksgemeinschaftspropaganda und fragmentierte gesellschaftliche Kommunikation 103
Konsum, Rationierung und Volksgemeinschaft 106
Haltungen in der Bevölkerung zu Rationierung und Versorgungslage in den Lage- und Stimmungsberichten 116
Die mediale Inszenierung der Schwarzhandelsbekämpfung 116
Haltungen in der Bevölkerung zum Schwarzhandel und zur Strafverfolgung in den Lage- und Stimmungsberichten 122
Schwarzer Markt als Grenze der Bindekraft des Volksgemeinschaftsdenkens? 126

2Der Schwarze Markt in der Nachkriegszeit 130
2.1Bewirtschaftung, Rationierung und Versorgungskrise 130
Bremen in der Ernährungs- und Versorgungskrise 135
2.2Ausweitung des Schwarzen Marktes 138
Neue Akteure und neue Quellen des Schwarzen Marktes 141
Marken- und Bezugsscheindelikte 147
Regionale Schwarze Märkte und interregionaler Handel 150
Eigentumsdelinquenz 154
Verfestigung des Schwarzen Marktes - neue Strukturen und Routinen 155
2.3Die Bekämpfung des Schwarzen Marktes 158
Nebeneinander von Militärregierung und taktischen Truppen 159
Die unterbleibende Verfolgung von Schwarzmarktdelikten der Besatzungstruppen 162
Gesetzliche Grundlagen der Schwarzmarktbekämpfung 169
Schwarzmarktbekämpfung zwischen Kontrolle der Wirtschaft und Wahrung der öffentlichen Sicherheit 173
Die Bremer Wirtschafts- und Ernährungsbehörden 176
Öffentliche Sicherheit und Ordnung: Public Safety und deutsche Polizei 182
Die Bremer Kriminalpolizei - Neuaufbau und Kontinuität 186
Perspektiven der polizeilichen Schwarzmarktbekämpfung 191
Polizeiliche Tätigkeit im Spiegel der Kriminalstatistik 196
Nachkriegsjustiz: Urteilsproduktion im Schnellverfahren, überlastete Gerichte und überfüllte Gefängnisse202
Schwarzmarkt- und Eigentumskriminalität vor den Gerichten der Militärregierung209
Die deutschen Gerichte: Schwarzschlachtungen, Fahrraddiebstahl und der kriminalpolitische Neubeginn 218
Die kriminalpolitische Entwicklung bis zur Währungsreform 225
2.4Schwarzer Markt, öffentliche Sichtbarkeit der Kriminalität und "Zusammenbruch" der Ordnung 229
Die Nachkriegsgesellschaft als "Schicksalsgemeinschaft": alte und neue Deutungsmuster von Rationierung und Mangel 231
Neue Sichtbarkeit gesellschaftlicher Gegensätze und Verteilungskonflikte 235
Öffentliche Kritik und sichtbarer Vertrauensverlust238
"Während das Volk hungert…": medial-öffentliche Deutungen von Schwarzhandel und Bestrafung240
Sichtbarkeit der Alltagsdelinquenz und Verschiebung der Diskussion um Normbruch und Strafe242
Ambivalente Deutung: Die illegale Selbsthilfe in den Medien247
Ambivalente Erfahrungen252
Massenhafte Kriminalität als Zusammenbruch der Ordnung und als neue Normalität253
Zwischenfazit: Die Kriminalität des Schwarzen Marktes in diachron vergleichender Perspektive258

3Überlebensmoral der Schwarzmarktgesellschaft zwischen alltäglichem Normbruch und Ordnungsloyalität 264
3.1Schwarzer Markt, Eigentumsdelinquenz und die Verbraucherinnen und Verbraucher264
Illegale Selbsthilfe und Überlebensmoral267
Illegaler Handel als "Schule des Marktes" und als eigen-sinniges Beharren auf bekannten Verhaltensweisen273
Moralische Rechtfertigungen und Abgrenzungen von Kriminalität in Geschichten vom Schwarzen Markt279
Überlebensmoral und die Aneignung fremden Eigentums: Was und wieviel "darf" man in der Not nehmen?288
Plünderungen und Ordnungsverlust293
Überlebensmoral und Dynamik der Menge 297
Die Plünderungen aus der Herrschaftsperspektive: Einschreiten der Ordnungskräfte300
Überlebensmoral, Normverletzung und Konfrontation mit Polizei und Gericht305
Diebstahl und Plünderungen in medial-öffentlichen Diskursen309
Diebstahl und Plünderungen in informellen Alltagsdiskursen 312
Zwischenfazit: Situatives Moralisieren und prekäre Deutungen 315
3.2Schwarzer Markt, Eigentumsdelinquenz und Arbeiterschaft 316
Kompensation, Schwarzhandel und der Umgang mit Betriebsmitteln 318
"Die Verhältnisse im Hafen sind noch keineswegs normal oder stabilisiert": Kriminalität in den bremischen Häfen326
Die "Überwachung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in den Häfen"328
Schwarzmarktgeschäfte zwischen US-Seeleuten und Hafenarbeitern332
"Keinesfalls als Diebstahl auszulegen": Eigentumsdelinquenz und Deutungen der Hafenarbeiter335
Alltägliche Konflikte um Eigentumsdelinquenz und Kontrollen im Hafengebiet340
Das "Kleine Hafen-Gericht"344
Die Delinquenz der Hafenarbeiter in institutionellen und öffentlichen Diskursen 351
Zwischenfazit: Moral Economy der Hafenarbeiter und die alltägliche Aushandlung von Kriminalität354

4Kriminalität und Raum: Innen und Außen der Schwarzmarktgesellschaft356
4.1Der Schwarze Markt in der Öffentlichkeit und seine Bekämpfung 358
Schwarzmarktbekämpfung im öffentlichen Raum: Kriminalpolitische Strategien und polizeiliche Taktik 363
4.2Kriminalitätsdiskurse: Klare Feindbilder und unklare Grenzziehungen376
Schwarzer Markt und Feindbilder des Kriminellen377
"Kriminelle DPs" 378
"Berufsverbrecher" 381
"Schieber" 384
"Asozialität" und "Arbeitscheu": "Schwarzmarktreisende" und "verwahrloste Jugendliche"386
Grenzziehungen und Grenzverläufe: Gesellschaftlicher Ein- und Ausschluss in Kriminalistik und Kriminologie 397
Die diskursive Verortung der Kriminalität 403
Popularisierung der Feindbilder des Kriminellen 406
4.3Der Schwarze Markt als Heterotopie 412
Heterotopologie der Nachkriegsgroßstadt - "Ausländerlager" und Kasernen als außergesellschaftliche Orte 413
Der Schwarze Markt als Raum eines illegalen Alltagshandelns 421
Der andere Ort als Füllhorn unsichtbarer Waren 423
Der andere Ort als Schwelle zwischen sichtbarer und
verborgener Kriminalität 425
Der andere Ort als Ort der Abweichung und Unordnung 427
"Hauptbahnhof - Schwarzer Markt": Überlagerungen428
Der Bahnhof als Ort der Bewegung und der Desintegration 431
Nichtöffentliche Innenräume öffentlicher Orte - der andere Ort als Brutstätte der Kriminalität435
Der andere Ort und die Verknüpfung von Sichtbarkeit und Sagbarkeit438
Der andere Ort als Theater443
Zwischenfazit446
Die Währungsreform: Normale Verhältnisse - normale Kriminalität 449

Schluss: Der Schwarze Markt als Aushandlungsraum von Kriminalität, Moral und sozialer Differenz453

Dank 478
Quellen und Literatur480
Anhang507
Beschreibung von Quellen und Samples sowie Erläuterungen zur
Zitierweise der Dokumente aus den US National Archives507
Verzeichnis der Tabellen, Grafiken und Abbildungen 511
Abkürzungsverzeichnis 513
 
Auszug aus dem Text
"Das Phänomen des Verbrechens", so stellte der Jurist und Kriminologe Hans von Hentig 1947 in einem Artikel für eine Strafrechtszeitschrift erschüttert fest, "hat in Deutschland Umfang und Formen angenommen, die in der Geschichte der westlichen Kulturvölker ohne Vorbild sind." Hier ist nicht die Rede von millionenfachem Mord und anderen NS-Verbrechen. Was von Hentig, und mit ihm vielen seiner Kollegen und Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, als Zeichen einer tiefgreifenden, Rechts- und Gemeinwesen bedrohenden moralischen Krise galt, war vielmehr ein ganz anderes "Phänomen des Verbrechens", nämlich der Anstieg der Alltagskriminalität und insbesondere die dramatische Zunahme der Schwarzhandels- und Eigentumsdelikte - eine "Kriminalität des Zusammenbruchs".

Der zitierte einleitende Satz - ein Satz, der heute gelesen irritieren mag, weil er Erwartungen weckt, die der Text nicht erfüllt - stammt von einem Autor, für den eine kriegsbedingte Konjunktur der Kriminalität nichts Überraschendes war und der sich dennoch mit etwas konfrontiert sah, was er nicht wiedererkannte: "Jeder Krieg hat seine Nachkriegskriminalität. Was wir im Augenblick in Deutschland sehen, unterscheidet sich von allem, was wir bisher erlebt und wissenschaftlich verwertet haben." Dabei hatte von Hentig das ihn erschreckende Ausmaß, vor allem aber eine neue Qualität der Kriminalität im Blick. Sein Artikel changiert zwischen zwei Deutungen des Geschehens, deren Überlagerung in der Formel von der "Kriminalität des Zusammenbruchs" zum Ausdruck kommt. Einerseits beschwört er sehr plastisch und konkret die Gefahr einer Kriminalität, die die gesamte Gesellschaft erfasst habe; andererseits steht die Kriminalität pars pro toto für die Umstände, die sie hervorgebracht haben: als eine "Kriminalität des totalen Ruins, der den Staat, die Gesellschaftsordnung und das individuelle Sein erfasst hat", in dem an die Stelle der Ordnung "der völlige staatliche und soziale Leerraum" trete. Kriminalität erscheint hier als ein komplexes Deutungsmuster des Sozialen schlechthin.

Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung steht der Schwarze Markt der Kriegs- und Nachkriegszeit als "Phänomen des Verbrechens", als Produkt sozialer Aushandlungs- und Kontrollprozesse, welche die Strafgesetzgebung und die Strafverfolgung, alltägliche Handlungsweisen und Konflikte sowie ein ganzes Bündel gesellschaftlicher Ordnungsdiskurse umfassen. In der "Schwarzmarktzeit" bestanden für die Auseinandersetzung darüber, was unter Kriminalität zu verstehen, wie sie zu ahnden und moralisch zu bewerten sei, besondere Bedingungen. Illegale Handlungen gehörten für weite Teile der Bevölkerung zum Alltag, und zugleich vervielfältigten und erweiterten sich die diskursiven Räume, in denen über Kriminalität verhandelt und in denen unter diesem Vorzeichen eigenes und fremdes Verhalten gedeutet und moralisch bewertet wurde. Im selben Jahr wie der Aufsatz von Hentigs erschien in der Ratgeber-Reihe "Recht für jeden", die ansonsten Bände zu Themen wie dem Ehe- oder Mietrecht annoncierte, ein Band mit dem Titel "Schwarzmarkt, Tausch- und Schleichhandel in Frage und Antwort mit 500 praktischen Beispielen", dessen Autor im Vorwort zu Recht behauptete: "Diese Fragen gehen heute jeden an!"

Die Frage nach der Wahrnehmung, Deutung und Bekämpfung der Kriminalität des Schwarzen Marktes stellt sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen: als allgemeine Frage danach, wie Regierungen und Strafverfolgungsbehörden auf die massenhafte Delinquenz der Bevölkerung reagierten, ebenso wie als die ganz konkrete, wer bei einer Schwarzmarktrazzia verhaftet wurde und wer ungeschoren davon kam; als Frage nach den Handlungen und den Selbstdeutungen der Akteurinnen und Akteure des illegalen Handels ebenso wie die nach der Thematisierung des Schwarzen Marktes in wissenschaftlichen und medial-öffentlichen Kriminalitätsdiskursen. Bei der Untersuchung aller hier angesprochenen Ebenen richtet sich das Interesse auf die gesellschaftliche Verortung der Kriminalität des Schwarzen Marktes: Inwieweit wurde Kriminalität in der Schwarzmarktgesellschaft als ein Phänomen gefährlicher und krimineller Gruppen wahrgenommen, blieb Kriminalität weiterhin außerhalb der Gesellschaft verortet; oder, umgekehrt, wie brüchig oder fragwürdig wurden unter dem Eindruck einer gesamtgesellschaftlich verbreiteten Alltagsdelinquenz die Feindbilder des Kriminellen? Um diese Fragen zu beantworten, verfolgt die Arbeit sowohl diskursanalytische als auch alltags- und erfahrungsgeschichtliche Perspektiven.

Zeitlich erstreckt sich die Untersuchung auf die 1940er Jahre, während derer offiziell das System der Bewirtschaftung und Rationierung und daneben inoffiziell ein Schwarzer Markt bestand. Wenngleich innerhalb dieses Zeitraums der Schwerpunkt auf der Zeit zwischen Kriegsende und Währungsreform liegt, steht die Arbeit damit im Kontext solcher Untersuchungen, die über das Epochenjahr 1945 hinweggehen. Dass es eine "Stunde Null" im Sinne eines völligen Neubeginns auf staatlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene nicht gab, ist in der historischen Forschung längst ein Gemeinplatz, und die Frage nach Kontinuitäten und Zäsuren erscheint heute stark ausdifferenziert. Eine kriminalitätsgeschichtliche Arbeit, die sowohl alltägliche Handlungs- und Erfahrungsräume als auch die Praxis der Strafverfolgungsbehörden sowie Diskurse um Kriminalität, Recht und Gemeinschaft in den Blick nimmt, kann hier einhaken und differenziert nach Kontinuitäts- und Bruchlinien im Übergang von der NS- und Kriegs- zur Nachkriegsgesellschaft fragen und so Ungleichzeitigkeiten aufzeigen. Die Ergebnisse eines solchen Unterfangens haben Relevanz über den unmittelbaren Gegenstand hinaus, denn Kriminalität ist ein soziales Phänomen, das immer den Kern gesellschaftlicher Ordnungen und Selbstbeschreibungen berührt und auf Vorstellungen von Normalität und auf soziale Zugehörigkeit und Ausgrenzung verweist.
 
Biographische Informationen
Stefan Mörchen, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte der Universität Göttingen.
 
Reihe
Campus Historische Studien - Band 54
Campus Verlag; November 2011
517 pages; ISBN 9783593410128
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ISBNs
3593410125
9783593392981
9783593410128