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Boomerang

Europas harte Landung

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Wie wurde aus Island, einer Nation von Fischern, eine einzige Investmentbank? Wie konnten griechische Mönche ihr Land in den finanziellen Ruin treiben? Wie gelang es den Iren, sich ihr Land gegenseitig zu verkaufen, bis eine enorme Schuldenblase entstand - und platzte?


Das neue Buch des internationalen Bestseller-Autors Michael Lewis ("The Big Short") ist eine Reise durch die Welt im Finanzchaos. Lewis deckt auf, wie leicht verfügbares Geld, aberwitzige Tricks und ein erschütternder Mangel an Kontrolle die europäischen Finanzen an den Rand des Abgrunds trieben - und warum Deutschland als Zahlmeister Europas hilflos am Nasenring durch die Geldarena gezogen wird.
 
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Vorwort - The Biggest Short 9
Wall Street auf dem Mond 23
Dabei haben sie die Mathematik erfunden! 62
Irland - auf Sünden gebaut 106
It's the Economy, Dummkopf! 158
Zu fett zum Fliegen 191
Dank 241
Register 243
 
Auszug aus dem Text
Vorwort - The Biggest Short


Dieses Buch nahm seinen Anfang zufällig, während ich an einem anderen Buch schrieb, in dem es um die Wall Street und die US-Finanzkrise von 2008 ging (The Big Short - Wie eine Handvoll Trader die Welt verzockte). Mein Interesse richtete sich auf ein kleines Grüppchen Investoren, die sich am Zusammenbruch des Subprime-Hypothekenmarktes eine goldene Nase verdient hatten. 2004 hatten die größten Investmentbanken der Wall Street das Instrument zu ihrer eigenen Vernichtung geschaffen: den Credit Default Swap (Kreditausfall-Swap) auf Subprime-Hypothekenanleihen. Ein Credit Default Swap eröffnete Investoren die Möglichkeit, auf fallende Kurse jeder beliebigen Anleihe zu wetten - sie also zu "shorten". Es handelte sich demnach um eine Versicherungspolice, allerdings eine der besonderen Art: Der Käufer musste den Anlagegegenstand, der versichert werden sollte, gar nicht besitzen. Keine Versicherungsgesellschaft darf Ihnen eine Brandschutzversicherung für ein Haus verkaufen, das Ihnen nicht gehört, aber die Finanzmärkte können Ihnen eine Ausfallversicherung für die Investition eines anderen Anlegers verkaufen und tun dies auch. Hunderte von Investoren hatten sich halbherzig im Markt für Credit Default Swaps versucht - viele Leute waren zumindest zeitweilig überzeugt, dass der auf Schulden gegründete Immobilienboom in den USA auf Dauer nicht zu halten sein würde -, aber nur fünfzehn von ihnen waren aufs Ganze gegangen und hatten gewaltige Summen darauf gewettet, dass große Teile des US-amerikanischen Finanzmarkts den Bach runtergehen würden. Die meisten dieser Leute betrieben Hedgefonds in London oder New York, und sie gingen Journalisten im Allgemeinen gern aus dem Weg. In dieser Sache und zu diesem Zeitpunkt aber zeigten sie sich erstaunlich offenherzig. Jeder von ihnen hatte das seltsame und abgehobene Gefühl erlebt, der einzige normale Mensch in einer wahnsinnig gewordenen Welt zu sein, und als sie über diese Erfahrung sprachen, klangen sie so, wie ein Mensch klingen würde, der einsam und schweigend in einem kleinen Boot gesessen und zugesehen hat, wie die Titanic mit einem Eisberg zusammenstieß.


Einige dieser Leute waren von ihrem Wesen her nicht für die Einsamkeit und fürs Schweigen prädestiniert. Zu diesem Untergrüppchen gehörte der Manager eines Hedgefonds namens Hayman Capital in Dallas, Texas. Sein Name war Kyle Bass. Bass war ein gebürtiger Texaner, der die ersten Jahre seiner Laufbahn - sieben davon bei Bear Stearns - damit zugebracht hatte, für Wall-Street-Firmen Anleihen zu verkaufen. Ende 2006 nahm er die Hälfte der zehn Millionen Dollar, die er in den Jahren an der Wall Street beiseitegelegt hatte, machte weitere fünfhundert Millionen bei anderen Leuten locker, gründete seinen eigenen Hedgefonds und schloss eine riesige Wette gegen den Markt für Subprime-Hypothekenbonds ab. Dann flog er nach New York, um seine alten Freunde darauf hinzuweisen, dass sie mit vielen, vielen dämlichen Wetten falschlagen. Die Händler bei Bear Stearns interessierten sich nicht für das, was er zu sagen hatte. "Kümmer du dich um dein Risikomanagement. Ich kümmere mich um unseres", hatte einer von ihnen geantwortet. Ende 2008 dann, als ich nach Dallas fuhr, um mich mit Bass zu treffen, war der Markt für Subprime-Hypothekenbonds zusammengebrochen und hatte Bear Stearns mit in den Abgrund gerissen. Bass war jetzt reich und - zumindest in Investmentkreisen - eine kleine Berühmtheit. Aber gedanklich hatte er das Debakel der Subprime-Hypothekenanleihen längst hinter sich gelassen: Nachdem er seine Gewinne eingestrichen hatte, wurde er nun von einem neuen Interesse beherrscht: Regierungen. Die US-Regierung war zu dieser Zeit fleißig mit Plänen beschäftigt, die von Bear Stearns und anderen Wall-Street-Banken vergebenen Hypothekenpapiere zu übernehmen. Die US-Notenbank sollte am Ende in dieser oder jener Form das Risiko abfedern, verbunden mit der Übernahme von fast zwei Billionen Dollar an windigen Sicherheiten. Dieses Vorgehen deckte sich mit dem anderer Regierungen der reichen Industriestaaten: Überall löffelten Staats- und Zentralbanken die Suppe der faulen Kredite aus, die hoch bezahlte Banker im Privatsektor vergeben hatten.


Kyle Bass war überzeugt, dass die Finanzkrise noch nicht überstanden war. In seinen Augen wurde sie lediglich durch das blinde Vertrauen und die Kredite westlicher Regierungen übertüncht. Einen Tag lang hörte ich zu, wie er und seine Kollegen fast euphorisch darüber diskutierten, wohin das alles führen würde. Sie sprachen schon längst nicht mehr über den Zusammenbruch einiger mickriger Anleihen. Sie sprachen über den Zusammenbruch ganzer Staaten.


Und sie hatten eine brandneue Investmenttheorie. Die lautete in etwa wie folgt: Von 2002 an hatte es in den reichen Industrienationen so etwas wie einen falschen Boom gegeben. Was wie wirtschaftliches Wachstum aussah, waren in Wirklichkeit Geschäfte von Menschen, die sich Geld liehen, das sie aller Wahrscheinlichkeit nach nie würden zurückzahlen können. Grob gerechnet hatte sich die Schuldenlast weltweit seit 2002 von 84 Billionen auf 195 Billionen Dollar mehr als verdoppelt. "Eine solche Schuldenanhäufung hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben", erklärte Bass. Problematisch war daran, dass die Banken, die einen Großteil der Kredite gewährt hatten, nicht mehr wie private Unternehmen behandelt wurden, sondern wie Zweigstellen der jeweiligen Regierungen, die darauf vertrauen konnten, dass ihnen in jeder Krise aus der Klemme geholfen würde. Die Staatsschulden der Industrienationen hatten bereits einen alarmierenden Stand erreicht und waren infolge der Finanzkrise weiter im Steigen begriffen. Doch die Staatsschulden dieser Nationen waren nicht mehr nur die offiziellen Staatsschulden. In der Praxis enthielten sie auch die Schulden innerhalb des Bankensystems des jeweiligen Landes, die der Staat im Falle einer weiteren Krise übernehmen würde. "Als Erstes", erklärte Bass, "versuchten wir in Erfahrung zu bringen, wie groß diese Bankensysteme in Bezug zu den Staatseinnahmen eigentlich waren. Es dauerte vier Monate, die notwendigen Informationen zu sammeln. Niemand hatte sie."


Die Zahlen, die dabei herauskamen, waren erstaunlich: Irland beispielsweise mit seinen großen und immer noch wachsenden jährlichen Haushaltsdefiziten hatte Schulden angehäuft, die die Summe der Jahressteuereinnahmen um das 25-Fache überstiegen. In Spanien und Frankreich lagen die Schulden zehnmal höher als die jährlichen Steuereinnahmen. In der Geschichte haben Verschuldungen von solchem Ausmaß immer zum Scheitern der betreffenden Regierungen geführt. "Der einzig gangbare Weg, den Karren aus dem Dreck zu ziehen, besteht für diese Länder darin, einen echten Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften", bemerkte Bass. "Und wenn das geschieht, fresse ich einen Besen."


Er fragte sich dennoch, ob ihm irgendetwas entgangen war. "Ich machte mich auf die Suche nach jemandem, irgendjemandem, der etwas über die Geschichte von Staatsbankrotten wusste", fuhr er fort. Und er stieß auf den führenden Experten auf diesem Gebiet, einen Harvard-Professor namens Kenneth Rogoff, der zusammen mit seiner Kollegin Carmen Reinhart zufällig gerade an einem Buch über die Geschichte der Staatspleiten arbeitete (Dieses Mal ist alles anders - Acht Jahrhunderte Finanzkrisen). "Ich ging die Zahlen mit Ro­goff durch", erklärte Bass, "und er sah sie sich nur an, lehnte sich im Sessel zurück und sagte: ›Ich kann kaum glauben, dass es so schlimm ist.‹ Und ich sagte: ›Moment mal. Sie sind der weltweit anerkannteste Experte auf dem Gebiet der Staatsbilanzen. Sie sind der Mann, an den man sich wendet, wenn ein Staat in die Krise gerät. Sie haben mit Ben Bernanke in Princeton gelehrt. Sie haben Larry Summers mit seiner zweiten Frau bekanntgemacht. Wenn Sie keine Ahnung haben, wer dann?‹ Und ich dachte, heilige Scheiße, wer passt überhaupt auf?"
Folglich lautete seine neue Investmenttheorie kurz gefasst: Die Krise des Subprime-Hypothekenmarktes war das Sym­ptom, nicht die Ursache. Die zugrunde liegenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die sie hervorgebracht hatten, bestanden noch immer. Sobald sich die Investoren dieser Tatsache bewusst werden würden, würden sie aufhören, die großen westlichen Regierungen als risikolos einzustufen, und für Geld, das sie ihnen liehen, höhere Zinsen verlangen. Steigende Zinsen für ihre Kredite würden eine noch höhere Verschuldung dieser Staaten nach sich ziehen, was wiederum einen weiteren Anstieg der Zinsen für geliehenes Geld zur Folge hätte. In einigen besonders dramatischen Fällen - Griechenland, Irland, Japan - würde schon bei relativ geringen Zinssteigerungen der gesamte Haushalt von den Schuldenzinsen aufgezehrt werden. "Wenn Japan beispielsweise zum gleichen Zinssatz Geld leihen müsste wie Frankreich", erklärte Bass, "würde schon die Zinslast allein zum Staatsbankrott führen." Sobald den Investoren diese Tatsache bewusst wäre, würden sie ihre Haltung ändern. Sobald sie ihre Haltung ändern würden, gingen diese Staaten pleite. ("Wenn man erst einmal das Vertrauen verloren hat, gewinnt man es nicht wieder. Das ist einfach so.") Und was dann? Die Finanzkrise 2008 wurde nur dadurch in der Schwebe gehalten, dass Investoren der Meinung waren, Regierungen könnten so viel Geld leihen, wie sie benötigten, um ihre Banken zu retten. Was würde passieren, wenn die Regierungen selbst ihre Glaubwürdigkeit verlören?


Eine neuerliche, noch größere Finanzkrise stand also bevor - das war in den Augen von Kyle Bass nur eine Frage der Zeit. Ende 2008 dachte er, Griechenland würde vermutlich als Erstes pleitegehen und damit möglicherweise den Zusammenbruch des Euro einleiten. Er hielt es für möglich, dass dies innerhalb von zwei Jahren passieren könnte, war sich seiner Zeiteinschätzung aber nicht sonderlich sicher. "Nehmen wir an, es dauert fünf Jahre und nicht zwei", sagte er. "Nehmen wir an, es dauert sieben Jahre. Soll ich warten, bis ich das Weiße in deren Augen sehe, oder soll ich mich jetzt positionieren? Die Antwort ist: jetzt. Denn wenn die Leute einen Staatsbankrott erst für möglich halten, wird es teuer. Wenn du wartest, wirst du für das Risiko zur Kasse gebeten."


Als wir uns trafen, hatte er gerade seine ersten Credit Default Swaps auf Anleihen von Staaten gekauft, die nach seiner und der Einschätzung seines Analystenteams ihre Schulden am ehesten nicht mehr würden zurückzahlen können: Griechenland, Irland, Italien, die Schweiz, Portugal und Spanien. Er schloss die Wetten direkt bei den wenigen großen Wall-Street-Banken ab, bei denen in seinen Augen die höchste Wahrscheinlichkeit bestand, dass man sie nicht pleitegehen lassen würde - Goldman Sachs, JP Morgan und Morgan Stanley -, da er aber ihren Möglichkeiten misstraute, eine ernsthaftere Krise zu überstehen, verlangte er für diese Geschäfte tägliche Sicherheiten von ihnen. Rückblickend waren die Preise, die er für Ausfallversicherungen zahlte, absurd niedrig. Die Ausfallversicherung auf griechische Staatsanleihen kostete ihn beispielsweise elf Basispunkte. Um griechische Staatsanleihen gegen Ausfall zu versichern, zahlte Hayman Capital demnach eine Jahresprämie von 1100 Dollar. Bass rechnete damit, dass Griechenland, wenn es erwartungsgemäß pleiteging, rund 70 Prozent seiner Schulden würde zurückzahlen müssen - was bedeutete, dass ihm jede gezahlte 1100-Dollar-Prämie 700000 Dollar einbringen würde. "Niemand glaubt, dass eine Industrienation pleitegehen könnte, weil es so etwas, solange wir leben, nicht gegeben hat", erklärte Bass. "Und niemand ist daran interessiert, dass darüber nachgedacht oder geredet wird. Nicht einmal unsere Investoren. Sie sehen dich an und sagen: ›Ja, die Sache mit dem Subprime-Markt stimmt schon. Aber du hältst immer nach diesen extrem seltenen Ereignissen Ausschau, und darum denkst du, dass sie viel häufiger passieren, als es wirklich der Fall ist.‹ Aber ich habe diese Position nicht gesucht. Ich habe nur versucht zu verstehen, wie die Welt funktioniert, und dann kam das ganz von selbst." Und jetzt, da er verstanden habe, wie die Welt funktionierte, fuhr er fort, könne er nicht begreifen, wie ein halbwegs vernünftiger Mensch etwas anderes tun könne, als sich auf eine bevorstehende noch größere Finanzkrise gefasst zu machen. "Es ist vielleicht nicht das Ende der Welt", fügte er hinzu. "Aber sehr viele Leute werden sehr viel Geld verlieren. Und wir haben uns vorgenommen, nicht dazuzugehören." Er klang absolut überzeugend. Er klang aber auch absolut unglaubwürdig. Ein Typ, der in einem Büro in Dallas, Texas, saß und großspurige Prognosen über die Zukunft von Ländern abgab, in die er vielleicht noch nie einen Fuß gesetzt hatte: Woher, um alles in der Welt, sollte er wissen, wie sich eine Handvoll Leute verhalten würden, denen er noch nie begegnet war? Während er seine Gedanken darlegte, erlebte ich eine Reaktion, die ich oft an mir feststelle, wenn ich Leuten zuhöre, die vollkommen sicher zu sein scheinen, dass irgendwelche ungewissen Ereignisse eintreten werden. Einerseits riss er mich mit seinen Argumenten mit, und ich fing an zu befürchten, dass die Welt bald untergehen würde, andererseits war da ein Teil von mir, der argwöhnte, vielleicht einen Verrückten vor mir zu haben. "Das ist klasse", sagte ich, war in Gedanken aber schon bei dem Flug, den ich unbedingt erreichen musste. "Aber selbst wenn Sie Recht haben, was kann man als Normalverbraucher schon dagegen tun?"


Er starrte mich an, als würde er gerade etwas höchst Inte­ressantes sehen: den dümmsten Mann der Welt.


"Was sagen Sie Ihrer Mutter, wenn sie fragt, wo sie ihr Geld deponieren soll?", fragte ich.


"Knarren und Gold", antwortete er einfach.


"Knarren und Gold", wiederholte ich. Er war also wirklich verrückt.


"Aber keine Gold-Futures", fuhr er fort, ohne mich zu beachten. "Sie brauchen reales Gold." Er erklärte mir, dass der Markt für Gold-Futures beim Eintreten der nächsten Krise höchstwahrscheinlich stagnieren würde, weil es mehr offene Terminkontrakte gab als verfügbares Gold. Leute, die glaubten, Gold zu besitzen, würden feststellen, dass alles, was sie besaßen, Papier war. Er öffnete seine Schreibtischschublade, förderte schwungvoll einen schweren Goldbarren zutage und ließ ihn auf die Tischplatte fallen. "Von dem Zeug haben wir einen ganzen Haufen gekauft."


An diesem Punkt kicherte ich nervös und warf einen Blick zur Tür. Es ist viel schwerer, die Zukunft vorauszusagen, als uns die Wall Street glauben machen möchte. Ein Mann, der den Zusammenbruch des Marktes für Subprime-Hypothekenbonds mit so traumwandlerischer Sicherheit vorausgesagt hatte, konnte sich leicht selbst einreden, dass er auch eine Gabe für traumwandlerisch sichere Zukunftsvoraussagen über andere komplizierte Dinge aller Art besitze. Ich jedenfalls war zu sehr damit beschäftigt, herauszufinden, was gerade in den Vereinigten Staaten passierte, um mir allzu große Sorgen darum zu machen, was mit dem Rest der Welt los war. Das schien mir damals ziemlich nebensächlich. Und Bass hatte eben mehr oder weniger das Interesse daran verloren, was sich in den USA abspielte, weil er das, was sich rund um den Erdball zusammenbraute, viel spannender fand. Ich verabschiedete mich, kehrte Dallas den Rücken und strich ihn erst einmal aus meinen Gedanken. Als ich das Buch schrieb, ließ ich Kyle Bass außen vor.


Dann begann sich die Finanzwelt wieder zu verändern - und zwar ganz in der Art, wie Kyle Bass es vorhergesehen hatte. Ganze Staaten standen plötzlich vor dem Bankrott. Was anfangs aussah wie eine Geschichte, die hauptsächlich von der Wall Street handelte, wurde zu einer Geschichte, in der jedes Land eine Rolle spielte, das in irgendeiner tiefergehenden Weise mit der Wall Street in Berührung kam. Ich schrieb das Buch über die US-Hypothekenkrise und über die Leute, die sich damit eine goldene Nase verdient hatten, aber gleichzeitig fing ich an, in diese anderen Länder zu reisen, um zu sehen, was da eigentlich los war. Und auf all meinen Reisen begleitete mich die bohrende Frage: Wie kam ein Hedgefonds-Manager aus Dallas auch nur auf die Idee, sich diese absurden Szenarien vorzustellen?


Zweieinhalb Jahre später, im Sommer 2011, flog ich wieder nach Dallas, um Kyle Bass diese Frage zu stellen. Griechische Credit Default Swaps waren von 11 auf 2300 Basispunkte gestiegen; Griechenland stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Irland und Portugal hatten umfangreiche Hilfskredite erhalten, und Spanien und Italien waren in der Einschätzung der Finanzmärkte von grundsätzlich risikolos auf den Stand von Nationen abgerutscht, die am Rande des finanziellen Ruins stehen. Und zu alledem stand das japanische Finanzministerium im Begriff, eine Delegation in die USA zu schicken, die bei den großen Fondsgesellschaften wie PIMCO und BlackRock anklopfen sollte, um zu sehen, ob sie irgendjemanden, finden konnten, der bereit war, japa­nische Zehn-Jahres-Anleihen im Wert von einer halben Billion Dollar zu kaufen. "Das ist ein Szenario, in dem noch nie jemand in­vestiert hat", meinte Bass. "Unsere größten Positionen sind jetzt Japan und Frankreich. Falls und wenn die Dominosteine fallen, ist Frankreich bei weitem der schwerwiegendste. Ich kann nur hoffen, dass die USA nicht als Erste pleitegehen. Mein ganzes Geld ist darauf verwettet, dass es dazu nicht kommt. Das ist meine größte Angst. Dass ich die Chronologie der Ereignisse falsch eingeschätzt habe. Aber ich bin mir absolut sicher, wie das Ganze letztendlich ausgehen wird."
Er besaß nach wie vor stapelweise Gold- und Platinbarren, deren Wert sich in etwa verdoppelt hatte, war aber immer noch auf der Suche nach anderen festen Wertaufbewahrungsmitteln als Absicherung gegen die von ihm prognostizierte Wertminderung des Papiergeldes. Beispielsweise Nickel, wie man nach dem Metall auch die US-amerikanischen 5-Cent-Münzen nennt.


"Das Metall in einem Nickel ist 6,8 Cent wert", erklärte er. "Wussten Sie das?"


Ich hatte es nicht gewusst.


"Ich habe gerade für eine Million Dollar Nickel gekauft", fuhr er fort und fügte dann, weil er wohl meinte, ich sei mit der Rechenaufgabe überfordert, hinzu: "Zwanzig Millionen Nickel."


"Sie haben zwanzig Millionen Nickel gekauft?"


"M-hm."


"Wie kauft man zwanzig Millionen Nickel?"


"Das ist tatsächlich ziemlich schwierig", meinte er und erklärte mir dann, er habe seinen Bankmanager anrufen und ihn überreden müssen, zwanzig Millionen Nickel für ihn zu bestellen. Er hatte es schließlich getan, aber die US-Notenbank hatte auch ein paar Fragen.


"Die Notenbank hat meinen Bankmanager angerufen", erzählte Bass. "Sie haben ihn gefragt, wozu er die vielen Nickel braucht. Also hat er mich angerufen und gefragt: ›Wozu brauchen Sie die vielen Nickel?‹, und ich habe gesagt: ›Nickel gefallen mir einfach.‹"


Er zog ein Foto von seinen Nickeln hervor und zeigte es mir. Da waren sie, aufgetürmt auf riesigen Holzpaletten in einem Tresorraum bei Brink's in Dallas.


"Ich sage Ihnen, die werden den Metallgehalt des Nickels innerhalb der nächsten zwei Jahre verändern", erklärte er. "Sie sollten wirklich ihre Bank anrufen und jetzt ein paar davon kaufen."


Kyle Bass hatte vermutlich nie zu den Leuten gehört, die gern in einem Büro herumsitzen und gebannt auf einen Bildschirm starren. Er liebt das ungebundene Leben. Wir schwangen uns in seinen Hummer, auf dessen Stoßstangen patriotische Aufkleber prangten ("Gott segne unsere Jungs, vor allem unsere Scharfschützen") und der so getunt war, dass sein Besitzer ein Maximum an Spaß aus ihm herausholen konnte: Wenn er beispielsweise auf einen bestimmten Knopf drückte, konnte er, wie James Bond, die Straße hinter sich mit schweren Reißnägeln überziehen. Wir röhrten also ins texanische Bergland hinaus, wo Bass mit dem in der Hypothekenkrise gescheffelten Geld ein festungsartiges Anwesen gekauft hatte: eine viertausend Quadratmeter große Ranch auf einem Tausende Hektar großen Areal mit eigener Wasserversorgung und einem Arsenal von Automatikwaffen, Scharfschützengewehren und kleineren Sprengsätzen, mit denen man ein ganzes Bataillon hätte ausrüsten können. In der Nacht bretterten wir auf der Ladefläche seines US-Army-Jeeps über sein Anwesen und ballerten mit den allermodernsten Scharfschützengewehren und Infrarot-Zielfernrohren auf Biber, die er als Bedrohung für die Wasserläufe auf seinem Grundstück ansah. "Da gibt es diese Sprengsätze, die man im Internet kaufen kann", sagte er, während wir durch die gelbe Berglandschaft rumpelten. "Es ist eine molekulare Reaktion. FedEx liefert Hunderte von Pfund von diesen Dingern." Die wenigen Biber, die den nächtlichen Scharfschützenangriff überlebten, würden morgen früh beim Aufwachen erleben, wie ihre Dämme pulverisiert wurden.
"Das sieht nicht wirklich nach einem fairen Kampf aus", warf ich ein.


"Biber sind Nagetiere", sagte er.


Was immer er sonst noch tun mochte, jedenfalls hatte er eindeutig Spaß. Zwei Jahre lang hatte er zugesehen, wie die globalen Finanzsysteme samt der Leute, die sie lenkten, seine düsteren Einschätzungen von ihnen bestätigten. Es zog ihn keineswegs runter. Er fand es aufregend, dass es ihm gelungen war, scheinbar unbegreifliche Ereignisse zu durchschauen. "Ich bin nicht scharf darauf, mein Leben lang alles schwarz-zusehen", sagte er. "Ich denke, wir müssen durch diese Sache einfach durch. Es ist eine Art Buße. Eine Buße für die Sünden der Vergangenheit."


Wieder einmal hatte ein Hedgefonds-Manager mehr oder weniger Recht behalten, und die Welt hatte sich mehr oder weniger geirrt. Mir schien der Zeitpunkt so geeignet wie jeder andere, die Frage zu stellen, die mich seit über zwei Jahren beschäftigte. Da sind Sie nun, sagte ich, ein provinzieller Hedgefonds-Manager aus Dallas, Texas, dessen gesamtes Erwachsenenleben sich in einem Radius von wenigen Meilen um diesen Ort abgespielt hat. Sie sprechen keine Fremdsprachen. Sie reisen selten ins Ausland. Sie sind ein überzeugter Patriot: Ihr größtes wohltätiges Engagement gilt kriegsversehrten Veteranen. Sie kennen kaum einen Menschen, der nicht US-Amerikaner ist. Wie sind Sie je auf die Idee gekommen, sich Theorien zur finanziellen Zukunft dieser fernen Länder zurechtzuspinnen?
"Es war Island, das den Anstoß gegeben hat", sagte er. "Island hat mich immer fasziniert."


"Aber wieso?"


"Haben Sie als Kind je Risiko gespielt?", fragte er. "Ich habe es unheimlich gern gespielt. Und ich habe immer alle meine Armeen auf Island platziert. Weil man von dort aus jeden angreifen konnte."


Die Überzeugung, dass man von Island aus jedes Land angreifen könne, hatte Kyle Bass dazu gebracht, sich umfassend über Island zu informieren und besonders aufmerksam hinzusehen, wenn in Island irgendetwas passierte. So brachte er beispielsweise in Erfahrung, dass Island von Geografen als ein Land gepriesen wurde, dem es gelang, sich selbst in lang anhaltenden Phasen widrigster natürlicher Bedingungen zu behaupten. "Wir sagten immer wieder: ›Diese Banken sind pleite.‹ Aber die Regierung hat die Banken immer wieder gerettet", erklärte er. "Und mittendrin ging Island plötzlich bank­rott. Und ich dachte, wow, das ist ja interessant. Wie ist es möglich, dass sie, nachdem sie tausend Jahre lang alles richtig gemacht und all diese natürlichen Widerstände überwunden haben, so einen Fehler machen konnten?"


Da hatte ich meine Antwort. Sein Interesse war mit einem Gesellschaftsspiel aufgekommen. Und es endete mit einer anderen Art von Gesellschaftsspiel. Und wieder einmal war Island ein guter Startpunkt.

Campus Verlag; November 2011
249 pages; ISBN 9783593414690
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