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Leben für eine humane Medizin

Alice Ricciardi-von Platen - Psychoanalytikerin und Protokollantin des Nürnberger Ärzteprozesses

Leben für eine humane Medizin
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Alice von Platen distanzierte sich als junge Ärztin während des Nationalsozialismus von Eugenik und "Euthanasie". Dies prädestinierte sie dafür, 1946 zusammen mit Alexander Mitscherlich im Auftrag der deutschen Ärztekammern den Nürnberger Ärzteprozess zu beobachten. Ihr anschließend verfasstes Buch Die Tötung Geisteskranker in Deutschland kam jedoch nie in den Buchhandel und wurde erst 1993 wieder entdeckt und neu aufgelegt. Damit wurde die Autorin, mittlerweile bekannt als Psychoanalytikerin, eine gefragte Rednerin und Interviewpartnerin.
Das bewegte Leben Alice von Platens - sie verstarb 2008 - schildert Reinhard Schlüter vor dem Hintergrund der unrühmlichen Geschichte der Medizin im Dritten Reich und deren schwieriger Aufarbeitung in der Nachkriegszeit.
 
Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7

Prolog – Der Kälte entgegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

1. Herkunft und Kindheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
Prämisse 1 – Die Familie der Mutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
Prämisse 2 – Die Familie des Vaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
Geburt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
Wilhelm von Stumm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
Beginn der Odyssee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

2. Stabilisierung und Prägung – Salem 1923 – 1928 . . . . . . . . . . . . . . . 37

3. Zwischen »Dreigroschenoper« und Sterilisationsschock –
Die Studienjahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
Medizinstudium 1929 – 1934 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
Landesanstalt Potsdam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64

4. Florentiner Exil 1936 – 39 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
Eine Liebe mit Leyden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
Der Hitlerbesuch 1938 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

5. »Große Liebe« in Rom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
Kriegsbeginn in Altaussee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
Ernst Homann-Wedeking . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90

6. Die Odyssee geht weiter – 1940 – 1946 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
Der Rückweg in den Arztberuf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
Als Landärztin im geographischen Dreieck Mauthausen,
Schloss Hartheim, Ebensee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108

7. Der Nürnberger Ärzteprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
Zwischenjahre 1945 – 46 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
In der Kälte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
Das Buch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

8. Der Weg zur Psychoanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
St. Getreu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
Augusto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160

9. Kein Ende der »Odyssee« – 1957 – 1967: London – Brüssel –
Tripolis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171

10. Wegbereiterin der Gruppenpsychoanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
Angekommen in Rom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
Gründungs- & Aufbaujahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184

11. Im Unruhestand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
Erneut allein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
Die »Wiederentdeckung« des Buches und seiner Autorin . . . . . . . . . 199

12. 1997 – 2008: Wettlauf mit der Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
Abbildungsnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
Kurzbiographien (Auswahl) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250
 
Auszug aus dem Text
Prolog - Der Kälte entgegen



Das klamme Unbehagen, das Alice von Platen an diesem Sonntagmorgen, dem 8. Dezember 1946, bei ihrer Abfahrt aus Heidelberg erfasste, scheint sich mit jedem Kilometer zu verstärken, der sie näher an Nürnberg heranbringt. Was erwartet sie in der Stadt der ehemaligen "Reichsparteitage"? Wie wird die amerikanische Militärgerichtsbarkeit den deutschen Vertretern jener Zunft begegnen, um deren Verbrechen während der NS-Zeit es in Nürnberg ab morgen geht? Werden sie und ihre Kollegen länger als nur ein paar Tage bleiben dürfen? Wird sie dies überhaupt wollen? Seitdem der Vater ihres fünfjährigen Sohnes das Ende ihrer Beziehung signalisierte und Professor Viktor von Weizsäcker sie wenig später wissen ließ, dass ihre Zeit als Voluntärassistentin an der psychosomatischen Abteilung der Heidelberger Klinik gezählt sind - zugunsten der aus dem Krieg heimkehrenden männlichen Wissenschaftler, an ihrer ärztlichen Befähigung gebe es keine Zweifel - spürt Alice von Platen alte Existenzängste neu aufbrechen, weiß sie, dass ihre "Odyssee" einmal mehr nur für kurze Zeit unterbrochen war und scheinbare Gewissheiten sich einmal mehr aufzulösen beginnen. Sollte ihre Mutter am Ende doch Recht damit behalten, die sie 1928 vor dem Medizinstudium warnte - wohl ahnend, dass die Stellung der Frau sich in diesem traditionell von Männern beherrschten Beruf auf lange Sicht kaum bessern würde? Auch 1946 liegt der Frauenanteil innerhalb der deutschen Ärzteschaft bei allenfalls 13 Prozent, übt ein Fünftel der approbierten Ärztinnen ihren Beruf nicht aus - oftmals zugunsten der gesellschaftlich erwünschten Rolle als Hausfrau und Mutter.



So gesehen kann Alice von Platen sich als einzige Frau unter den sechs Medizinern, die ab dem morgigen Montag als "deutsche Beobachterkommission" dem Nürnberger Ärzteprozess beiwohnen sollen, gleichsam "überrepräsentiert" fühlen: Fred Mielke, 24-jähriger Medizinstudent an der Universität Heidelberg, ist der einzige Nicht-Arzt im Team. Der zweite, Friedrich Benstz, promovierte bei Viktor von Weizsäcker und zählt zu jenen Wissenschaftlern, denen Weizsäcker nun den Vorzug vor der "Praktikerin" Alice von Platen gibt. Auch Wolfgang Spamer war bis vor kurzem in Weizsäckers Abteilung der Heidelberger Ludwig-Krehl-Klinik tätig. Der knapp 35-Jährige wollte sich gerade als praktischer Arzt in Neckarsteinach niederlassen, als ihn sein ehemaliger Chef bat, sich der von Alexander Mitscherlich angeführten Gruppe anzuschließen.



Mitscherlich, 38 Jahre alt, Neurologe mit der bewegten Vergangenheit eines Philosophie- und Geschichtsstudenten, Buchhändlers und Gestapohäftlings, war nach den Querelen um das von ihm angestrebte und nach einem Gutachten von Karl Jaspers verwehrte "Institut für Psychotherapie" an der Universität Heidelberg der Anfrage des "großhessischen" Ärztekammerpräsidenten Carl Oelemann gegenüber, eine deutsche Beobachterkommission beim Ärzteprozess zu leiten, prinzipiell aufgeschlossen. Mitscherlichs einzige Bedingung: die Zustimmung aller deutschen medizinischen Fakultäten. Diese war jeweils per Brief, Telegramm und Fernschreiben teils erst wenige Tage vor Prozessbeginn erfolgt, sodass die Zeit zur Bildung der Kommission denkbar knapp wurde. So hatte Oelemann am Ende mit dem Frankfurter Arzt Friedrich Jensen rasch noch einen persönlichen Freund in die Kommission gebeten.



Alle sechs sollen sie nun die Erwartungen der deutschen Standesvertreter und der medizinischen Fakultäten erfüllen, die in Nürnberg zur Verhandlung stehenden Ärzteverbrechen publizistisch "einer äußerst beschränkten nationalsozialistischen Clique" zuzurechnen und damit das Gros der deutschen Ärzteschaft möglichst von jeglicher NS-Schuld reinzuwaschen.



Mitscherlich ist der Kommission vorausgeeilt, Jensen und Koch werden vor Ort dazu stoßen. Die anderen sitzen im ungeheizten Eisenbahnabteil, eingeklemmt zwischen Obdachlosen und frisch Entnazifizierten, Kriegsheimkehrern und Witwen, Hamsterern und Schwarzmarktprofiteuren. Nur an den Haltestationen kommt Bewegung in die Reihen der Sitzenden und im Gang dicht gedrängt Stehenden. Kaum jemanden drängt es danach zu sprechen. Zu unterschiedlich die unmittelbaren Erinnerungen, zu beklemmend die gegenwärtige Situation, zu ungewiss die Zukunft. Statt an das bevorstehende Weihnachtsfest denken die meisten an Heizstoffmangel, Hunger und Wohnungsnot. Fast jeder in Deutschland hat im Krieg mindestens einen ihm nahestehenden Menschen verloren. Auch sonst ist das Land so zerrissen wie nie zuvor in seiner Geschichte. Wer in der amerikanisch-britischen Bizone lebt, darf mit einer täglichen Nahrungszuteilung von bis zu 1.500 Kalorien pro Tag rechnen, in der französischen Zone liegt der festgesetzte Wert bei rund 1.200 Kalorien, noch weniger sind es in der sowjetischen Zone. Allenfalls Schwerarbeiter werden halbwegs satt. Der "Normalverbraucher" hingegen hungert. Wer eine halbwegs intakte Wohnung bewohnt, muss diese oft mit wildfremden Menschen teilen. Sechs Menschen leben im Schnitt in jeder Wohnung, der Wiederaufbau kommt kaum voran - überall fehlt es an Geld und Material. Die allerorten verklebten Plakate machen Anordnungen und Verlautbarungen publik, ansonsten dominieren an den Wänden Suchmeldungen.



Produktwerbung erübrigt sich mangels zu bewerbender Produkte. Und wo es welche gibt, fehlt es meist am Geld. Sieben bis acht Mark verdient ein Arbeitnehmer im Durchschnitt pro Tag. Gerade genug, um sich 200 Gramm Mehl zu kaufen. Was einzig gedeiht, ist die Schattenwirtschaft. Zigaretten behaupten sich als halbwegs stabile Ersatzwährung. Wer ein paar ordentlich besohlte Schuhe anbietet, kann dafür bis zu 60 Zigaretten oder zwei Pfund Butter verlangen. Einige kehren so das "Hans-im-Glück"-Prinzip um und tauschen ihren Status kontinuierlich nach oben. Wem dagegen - wie den meisten - das Selbstvertrauen und Talent zum Handeln fehlt, der verscherbelt seine einst "wertbeständige" Habe gegen Naturalien oder anderen flüchtigen Besitz. Uniformen werden in Zivilkleidung umgearbeitet, "aus alt mach' neu!" heißt die Devise auch bei Stahlhelmen oder Blechdosen, die sich in Heimarbeit zu Koch-, Ess- und Trinkgeschirr verwandeln lassen. Mehr als sechs Millionen Vertriebene und Zuwanderer musste das geschrumpfte und zerbombte Land bisher aufnehmen. Hunderttausende werden folgen - dazu die aus Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Soldaten. Wollte man ein Bild aus der Mikrobiologie bemühen, so könnte man das Land als ein Millionenheer von Zelleinheiten auf der Suche nach einem ordnenden Ganzen beschreiben: nach Menschen, nach einem Zuhause, nach Essen, Brennholz und Kohle. Die meisten aber wohl nach dem verlorenen Selbst.
 
Biographische Informationen
Reinhard Schlüter, geboren 1948, ist Publizist (er schreibt unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung" und "Psychologie Heute") und seit vielen Jahren Autor der Sendungen "RadioWissen" und "ZeitReisen" im Bayerischen Rundfunk. Er lebt in Spanien und Österreich, wo ihm Alice Ricciardi als Mitbegründerin der seit 1975 stattfindenden Altausseer Ausbildungskurse der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse begegnete.

Campus Verlag; March 2012
265 pages; ISBN 9783593412771
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ISBNs
3593412772
9783593393568
9783593412771