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Die Stimme der Entmündigten

Geschichte des indigenen Journalismus im kolonialen Algerien

Die Stimme der Entmündigten
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Der Kolonialismus brachte für die indigene Bevölkerung immer auch eine starke Beschränkung der Teilnahme am öffentlichen Diskurs, etwa in den Medien. Am Beispiel des indigenen Journalismus in Algerien zeigt Philipp Zessin, dass das verordnete Schweigen nicht immer akzeptiert wurde. Journalisten stritten fortwährend für ihr Recht, sich öffentlich zu Wort zu melden. Erst nach 1945 kam es im Zuge der französischen Repressionspolitik zu einem Rückgang innergesellschaftlicher Kommunikation, an deren Stelle die gewalthafte Auseinandersetzung trat, die schließlich in den Algerienkrieg mündete.
 
Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Vorwort 9

Einleitung 11

I. Die Entstehung einer indigenen intellektuellen Elite Ende des 19. Jahrhunderts: Sprachsituation, schulische Bildung, soziale Zusammensetzung, Identität 33
1. Linguistische Vielfalt und Sprachsituation im kolonialen Algerien 34
2. Die französische Schulpolitik in Bezug auf die indigene Bevölkerung und die Rolle des Arabischen im Schulunterricht 37
3. Die soziale Zusammensetzung der indigenen Eliten und ihr beruflicher Werdegang 52
4. Die ersten journalistischen Gehversuche der französisierten und der arabisierten Eliten: Gemeinsamkeiten und Unterschiede und ihre Folgen für die Identitätsbildung 57

II. Der gesetzliche Rahmen und die korporativen Strukturen des Journalismus 67
1. Pressegesetzgebung in Frankreich vom Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts 68
2. Journalismus und Korporatismus: Frankreich und Algerien im Vergleich 80

III. Der indigene Journalismus als Herausforderung für den Kolonialstaat 92
1. Die Surveillance des indigènes als integraler Bestandteil der kolonialen Ordnung 93
2. Staatliche propagandistische Einflussnahme auf die indigene öffentliche Meinung 98
3. Der polizeiliche Umgang mit der indigenen Presse: Surveillance politique und Repression 116

IV. Soziologie des indigenen Journalismus: Akteure, Publikationen und die journalistische Praxis 144
1. Die Merkmale des indigenen Journalismus: Politisierung, Nucleus und Träger von politischen Ideen und sein Beitrag zur Ausdifferenzierung der "opinion publique musulmane" 146
2. Die reformistische Zeitung La Défense: Eine indigene Musterzeitung unter Beobachtung und am Rande des finanziellen Kollapses 159
3. Alger-Républicain: Der Versuch der Verschmelzung von indigenem und europäischem Journalismus 173

V. Gesellschaftliche und politische Visionen von Algerien im journalistischen Diskurs: Das Beispiel der reformistischen Zeitung La Défense 200
1. "Recht" und "Gerechtigkeit": Die Orientierung an französischen Wert- und Gesetzesnormen als Grundlage für Gleichstellungsforderungen 204
2. La Défense und die Frage der französischen Souveränität über Algerien 213
3. Die zentrale Rolle von Wissen und Bildung für die "Entwicklung" der muslimischen Gemeinschaft Algeriens 220
4. Die Herausbildung eines politischen Bewusstseins innerhalb der muslimischen Gemeinschaft als zentrales Moment im Denken von La Défense 226
5. Die Debatte um den Statut Personnel Musulman und die gesellschaftliche Rolle der Religion 236
6. La Défense und "die Anderen": die Abgrenzung von Teilen der indigenen Elite und vom "mauvais Français" zu identitätsbildenden Zwecken 248

VI. "Soziale Frage" oder "indigene Frage"? Alger-Républicain zwischen Klassenkampf und antikolonialem Engagement 259
1. Der Republikanismus Alger-Républicains und das Projekt der "Entfeudalisierung" Algeriens 260
2. Gleichstellung oder Französisierung der Muslime? Alger-Républicain und das ambivalente Projekt der
"Verschmelzung" muslimischer und europäischer Lebenssphären in Algerien 267
3. Die Bejahung der französischen Oberhoheit über Algerien unter der Bedingung tief greifender Reformierung 278
4. Alger-Républicain als "Stimme der Armen": die besondere Bedeutung der Sozialreportage in der
Berichterstattung der Zeitung 289
5. "Antifaschismus" und "Antiimperialismus" im Diskurs von Alger-Républicain und die zentrale Rolle der sozialistischen, später kommunistischen Weltanschauung 298

VII. Die übrigen Publikationen im journalistischen Diskurs: La Voix des Humbles, La Voix Indigène, El Bassair, Egalité, L'Algérie Libre, El Maghrib El Arabi 309

Fazit 324

Literatur 335

Register 354
 
Auszug aus dem Text
1. Einführung in das Thema und Erkenntnisinteresse

"Il y a en France trois pouvoirs constitutionnels. Mais le quatrième, et peut-être le plus puissant, c'est le pouvoir de la presse. […] En Algérie, ce sont les grands quotidiens de la colonie qui étouffent la voix du peuple musulman. […] Qu'avons-nous à opposer à cette formidable artillerie? A peine deux ou trois petits hebdomadaires. […] Il [nous] faut un grand journal."

Abdallah, Generalsekretär des Congrès Musulman Algérien und damit ein wichtiger Vertreter der indigenen politischen Klasse, verwies hier im April 1937 auf eine wichtige Facette der Ausgrenzung der muslimischen Gemeinschaft im kolonialen Algerien: Diese äußerte sich nicht nur in der politischen und rechtlichen Diskriminierung, sondern machte sich auch in Form von Zugangsbeschränkungen zum öffentlichen Diskurs bemerkbar. In der Tat spielten Muslime im öffentlichen Leben eine untergeordnete Rolle: Ihre Sprache, das Arabische, war in Verwaltung, Schul- und Gesundheitswesen marginalisiert und ohne Status, die Stellen im Beamtenapparat fast ausschließlich von Europäern besetzt, der öffentliche Raum zumindest in den Städten von französischer Architektur und Stadtplanung geprägt, der öffentliche Diskurs in Politik und Medien vom Französischen dominiert. Ein wichtiger Faktor für die auch von den Muslimen selbst so empfundene Ausgrenzung war ihre relative "Sprachlosigkeit": Vom Beginn der Kolonialherrschaft 1830 bis Ende des 19. Jahrhunderts verfügten sie über keine einzige selbst gestaltete Zeitung oder Publikation, in der sie Stellung zum politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Geschehen hätten nehmen können. Die indigene Bevölkerung bezog ihre Informationen aus staatlichen arabischsprachigen Zeitungen wie Le Mobacher, aus indigenophilen Publikationen, die von Europäern geführt wurden, die mit der "cause indigène" sympathisierten, oder schlichtweg aus französischsprachigen Zeitungen der europäischen Gemeinschaft Algeriens. Viele Europäer in Algerien ignorierten nicht zuletzt deshalb die Muslime, welche 90 Prozent der Gesamtbevölkerung stellten, weil diese in keiner Weise als öffentliche Akteure in Erscheinung traten. Ihr Dasein, ihre Lebensumstände und Lebensweisen, ihre Wahrnehmungsmuster und politischen Orientierungen blieben lange Zeit unausgesprochen und unvermittelt. Was von den Europäern nicht wahrgenommen wurde, war für sie schlichtweg nicht existent: Die indigene Bevölkerung blieb in der europäischen Presse Algeriens lange Zeit ein absolutes Randphänomen und tauchte höchstens im Zusammenhang mit den Topoi der "Insécurité" und der "Criminalité" auf.

Die Sicherung der kolonialen Herrschaft gründete also nicht zuletzt auch auf der Medienmacht, über die die Administration und die zumeist rechtskonservativen Medienunternehmer Algeriens - die sich im Übrigen weitgehend über ihre politischen Ziele und ideologischen Orientierungen einig waren - verfügten. Mit der Tagespresse der Verleger und den speziell an die muslimische Gemeinschaft gerichteten offiziellen Propagandaorganen, die die Kolonisierten vom Wohle französischer Herrschaft überzeugen sollten, konnte diese Interessengemeinschaft in entscheidender Weise meinungsbildend wirken und potenzielle politische Kontrahenten schon auf publizistischem Wege marginalisieren. Ein wichtiger Effekt dieser Medienmacht bestand darin, dass die indigenen Eliten - in Algerien stärker als in jeder anderen französischen Kolonie - unter großem Einfluss der Franzosen standen und sich ihre soziale Konstituierung, auf deren Einzelheiten in Kapitel I noch ausführlich eingegangen werden wird, ab Ende des 19. Jahrhunderts unter enger Kontrolle der Administration vollzog. Ihre Französisierung führte in Kombination mit der Stigmatisierung und Ausgrenzung der arabischen Sprache dazu, dass sich Teile der Eliten von ihrer Herkunftskultur entfremdeten und so von Seiten der Franzosen effizienter für ihre Zwecke eingesetzt sowie als Vorbild für alle indigenen Eliten dargestellt werden konnten. Andere Teile dieser Eliten empfanden diese Erfahrung als besonders schmerzhaft: So unterstrichen Schriftsteller wie Mouloud Haddad, Albert Memmi und Mouloud Feraoun ihr "déracinement" im Verhältnis zur von ihnen idealisierten arabischen Sprache und zu ihrer Herkunftskultur und beklagten den "Verlust" von Sprache und Identität. Hier wird deutlich, wie sehr die Eliten- und Sprachpolitik der Administration als Herrschaftsinstrument diente: Die Privilegierung französisch ausgebildeter und vom indigenen Milieu entfremdeter Muslime gegenüber den traditionellen, ländlichen Eliten der "Grandes familles" sollte die kulturelle Resistenz der Kolonisierten gegenüber der aufgezwungenen französischen Kultur schwächen und den Weg für die sprachliche, aber auch politische und rechtliche "Durchherrschung" Algeriens ebnen. Dennoch ging dieser Plan nicht immer auf, sondern führte mitunter zum gegenteiligen Ergebnis: Zwar waren die indigenen Eliten im Vergleich zu anderen Kolonien oder Protektoraten wie Marokko oder Tunesien in bedeutendem Maße französisiert und von der hocharabischen Sprache entfremdet. Doch führte die Bewusstseinsbildung vom "déracinement" bei den oben genannten Schriftstellern zu einer Abwehrreaktion, die sie in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts dazu bewegte, ins nationalistische Lager zu wechseln.
 
Biographische Informationen
Philipp Zessin, Dr. phil., promovierte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz und ist Akademischer Mitarbeiter an der Europa- Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).
 
Reihe
Campus Historische Studien - Band 62
Campus Verlag; May 2012
365 pages; ISBN 9783593416885
Download in secure PDF format
ISBNs
3593416883
9783593396378
9783593416885