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Eine sowjetische Nation

Nationale Sozialismusinterpretationen in Armenien seit 1945

Eine sowjetische Nation
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Inhaltsverzeichnis
Inhalt

Einleitung............................................................................................9
›Nation‹ und ›Dissidenz‹:
Forschungsperspektiven auf das sowjetische Vielvölkerreich..........13
Fragen, Untersuchungsfelder, Probleme ........................................26
Heuristische Begriffe: Repräsentation und Hybridität ...................31
Aufbau..........................................................................................38

I. Nachkriegshorizonte..................................................................41

1. Völkerbefreiung:
›Armenische‹ Territorien und sowjetische Grenzen 1945...............47
Schutzbefohlene Stalins, Visionäre der Zukunft: Die armenische
Kirche und die Definition der Nachkriegsordnung .......................56
Auf Wunsch der Bevölkerung:
Die armenische Parteiführung und Nagornyj Karabach ................64

2. Nationale Distinktionen: Repatrianten als eigene ›Andere‹............76
Für Nation und Sozialismus:
Die Repatriierungskampagne 1945-1949.....................................79
Sowjetischer Konsum und nationale Körper .................................85
Der sowjetische Aufbau der Nation:
Arbeitskonflikte zwischen Repatrianten und Lokalen....................91
(Un-)Wissende Repatrianten ........................................................96
Patrioten oder Provokateure? Repatrianten im Spätstalinismus....104

II. Sozialismus, aprikosenrot ........................................................115

3. Die Ždanovšèina und die Verteidigung der
armenischen Geschichte .............................................................123
August 1946: Die Ždanovšèina beginnt .......................................126
Maß halten: Die erste Rede eines Propagandasekretärs................130
Übertreibung vermeiden: Die zweite Rede Grigorjans.................137
Moskau legt nach........................................................................142
Armenische Reaktionen: Das Septemberplenum in Eriwan.........146

4. Nation und Destalinisierung 1953–1956....................................163
Der ›Nationalist‹ Berija und seine Protegés in Moskau ................165
Die Einheit der Partei ist nicht zu schwächen:
Arutjunovs Bestätigung in Eriwan ..............................................171
Die Basis protestiert:
Die Bildungselite wendet sich gegen Arutjunov ..........................176
Die Absetzung Arutjunovs und die Bekräftigung des Nationalen 185
Nachspiel: Die Rehabilitation des Nationalen im
frühen ›Tauwetter‹ ......................................................................196

III. Die Ausdeutung einer sowjetischen Nation ..........................205

5. Dem Ararat zugewandt: Eriwan als sowjetische Stadt
und nationale Erinnerungslandschaft..........................................212
Formationen und Adaptionen des Eriwaner Stadtraumes............216
Die Demonstration vom 24. April 1965 .....................................224
Die nationale Repräsentation einer sowjetischen
Republikhauptstadt ....................................................................234

6. Für Volk, Vaterland und Völkerfreundschaft:
Armenische Repräsentationen der sozialistischen Mission ...........250
Von Auferstehung und Widerstand: Leiden und
Siegen im armenischen ›Tauwetter‹ .............................................251
Ein Ende des Schweigens: Armenische Sowjetbürger
und die Anerkennung des Genozids............................................259
Verfechter ›klassischer marxistisch-leninistischer Positionen‹:
Die armenische Parteielite vor dem 50. Jahrestag des Genozids...269
Das Anrecht der Opfer: Die Deutung des 24. April 1965 ...........279

IV. Vom Wort zur Tat: Der armenische Kampf um
Nagornyj Karabach..................................................................295

7. Provokateure und Patrioten: Die Verteidigung Karabachs ...........302
Opfer, Täter, Opfer: 1967 in Stepanakert ...................................304
Patrioten gegen Großmachtchauvinismus ...................................313
Die Lebenden und die Toten:
Verdrängungsängste in Karabach ................................................325
Der Provokateur aus Baku: Die Kevorkovšèina 1975....................336

8. Des Volkes Stimme:
Armenische Positionen in der späten Sowjetunion ......................346
Der Wille der Bevölkerung:
Die Verfassungsdiskussion in Armenien ......................................349
›Alle Macht den Sowjets‹:
Die Februardemonstrationen in Eriwan ......................................362
Genozid und Gemeinschaft:
Das Ende der Perestroika in Armenien........................................374

Epilog...............................................................................................385

Interviewpartner................................................................................399
Abkürzungsverzeichnis ......................................................................407
Abbildungsverzeichnis .......................................................................409
Kartenverzeichnis ..............................................................................411
Archivquellen ....................................................................................413
Literatur............................................................................................417
Register .............................................................................................433
Dank.................................................................................................439
 
Auszug aus dem Text
Einleitung




"Lenin hatte Recht." Mit diesem Satz brachte mich Roland Vardanjan im Herbst 2005 zur Tür. Zwei Stunden hatte er mir in seinem Esszimmer in einem Eriwaner Plattenbau aus seinem Leben erzählt. Als er meinen erstaunten Gesichtsausdruck sah, machte der pensionierte Biologe mit den vielen Lachfalten im Gesicht nochmals klar, dass es ihm mit Lenin ernst war: "Ja, man muss Lenin lesen. Auch heute!"




Diese Aussage mag zunächst paradox erscheinen. In diesem Moment überraschte sie mich zumindest. Denn Roland Vardanjan hatte mir zuvor ausführlich davon berichtet, wie er sich in seinem ersten Studienjahr an der Organisation einer illegalen Massendemonstration zum 50. Jahrestag des armenischen Genozids im Stadtzentrum Eriwans beteiligt hatte. Zehntausende Demonstranten forderten damals nicht nur den Monopolanspruch der Partei Lenins über den öffentlichen Raum heraus. Mit ihren Rufen nach einer offiziellen Anerkennung des Genozids und der Rückgabe ›armenischer‹ Territorien stellten die Demonstranten darüber hinaus die kaukasische Territorialordnung, den sowjetisch-türkischen Grenzverlauf und die Weisungsmacht Moskaus in Frage. Mit ihren Forderungen legten sie zudem den Konflikt mit der Nachbarrepublik Azerbajdžan als ›Besetzerin‹ von Nagornyj Karabach und Nachi?evan und damit auch die Probleme der Umsetzung von Lenins Vision einer freundschaftlichen Annäherung und letztendlichen harmonischen Verschmelzung der sowjetischen Nationalitäten offen. Roland Vardanjan zeigte sich als Enkel einer Genozidüberlebenden nicht nur euphorisch über die Demonstration, die für ihn eine "Erleuchtung" (ozarenie) war. Der Sohn eines sowjetischen Militärärztepaares berichtete auch darüber, wie die Partei armenische Schriftsteller und Intellektuelle aus Karabach "vertrieb". Er konstatierte die unterschiedlichen Prioritäten von "ideologiegläubigen Parteimitgliedern" und dem "Volk mit seinen nationalen Interessen". Ebenso unterstrich er, dass der "sowjetische Totalitarismus" noch nicht seine gebührende Verurteilung gefunden habe und bezeichnete das sowjetische System als "absurd" und "Unsinn". Zugleich erklärte er rundheraus seinen "Nationalstolz". Roland Vardanjan gerierte sich als freundlicher, aufgeschlossener und gleichwohl bestimmter Nationalist, der im Gegensatz zu seinen ›typisch sowjetischen‹ Eltern politisch dachte. Dennoch betrachtete er ausgerechnet Lenin, den Begründer des ersten sozialistischen Staates, der seine Subjekte in eine sowohl klassen- wie nationslose Zukunft führen sollte, als grundsätzliche und aktuelle Autorität.




Doch für Roland Vardanjan wie für viele andere meiner Gesprächs- und Interviewpartner war das weder paradox noch widersprüchlich. Im Gegenteil, es passte ihrer Ansicht nach sehr gut zusammen. Selbst dann, wenn ein und dieselbe Person Lenin als ›starken und mächtigen‹ Organisator bewunderte, um den Revolutionsführer später als ›Syphilitiker‹ zu verspotten. Diese Koexistenz von nationalistischen und antisowjetischen Narrativen mit der Verehrung sowjetischer Symbolfiguren wirft die Frage nach dem Sinn, der Kohärenz und der Genese von Ordnungsvorstellungen auf, in denen Nationalismus und Leninverehrung feste Größen darstellen - und das heute noch. Denn die selbstverständliche Präsenz Lenins in den Ausführungen ehemaliger Sowjetbürger verweist über deren Bedeutung im Kontext der post-sozialistischen Krise hinaus so sehr auf den Erfolg wie auf das Scheitern des leninschen Projekts in der multiethnischen Sowjetunion.




Der Zusammenhang von Erfolg und Scheitern des leninschen Projekts an der nationalen Peripherie des einst so mächtigen Sowjetreiches steht im Zentrum dieser Arbeit. Dabei ist mit ›Scheitern‹ nicht schlicht der Zusammenbruch eines Vielvölkerreiches gemeint, über dessen handfeste ökonomische und politische Ursachen wir immer noch mehr wissen als über seine sozialen und kulturellen Wurzeln. Auch der ›Erfolg‹ bezieht sich hier nicht allein auf die immerhin 70-jährige Existenz der multiethnischen Sowjetunion. Vielmehr geht es um den Erfolg der von Lenin und seinen Nachfolgern angestrebten Visionen, die Sprache, Handeln und Ordnungsvorstellungen sowjetischer Generationen so nachhaltig geprägt haben, dass sie für diese auch 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Staates Geltung haben. Darin, wie sich Sowjetbürger diese Visionen zu Eigen machten, liegt der Kern sowohl des Erfolgs wie des Scheiterns dieses Projekts.


 
Reihe
Eigene und Fremde Welten - Band 26

Campus Verlag; July 2012
445 pages; ISBN 9783593412160
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